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Ich möchte sogleich meinen Vorgängern,
den großen Päpsten und erleuchteten Friedensstiftern Paul VI.
und Johannes Paul II., meinen ehrlichen Dank zollen. Beseelt vom Geist
der Seligpreisungen, wussten sie in den zahlreichen geschichtlichen Ereignissen,
die ihre jeweiligen Pontifikate geprägt haben, das vorausschauende
Eingreifen Gottes zu erkennen, der die Schicksale der Menschen nie aus
den Augen verliert. Als unermüdliche Botschafter des Evangeliums haben
sie immer wieder jeden Menschen aufgefordert, von Gott auszugehen, um ein
friedliches Zusammenleben in allen Teilen der Erde zu fördern. An
diese edle Lehre knüpft meine erste Botschaft zum Weltfriedenstag
an: Mit ihr möchte ich noch einmal den festen Willen des Heiligen
Stuhls bestätigen, weiterhin der Sache des Friedens zu dienen. Der Name
Benedikt selbst, den ich am Tag meiner Wahl auf den Stuhl Petri angenommen
habe, weist auf meinen überzeugten Einsatz für den Frieden hin. Ich wollte mich nämlich sowohl auf den heiligen Patron Europas, den
geistigen Urheber einer friedensstiftenden Zivilisation im gesamten Kontinent,
als auch auf Papst Benedikt XV. beziehen, der den Ersten Weltkrieg als
ein »unnötiges Blutbad« verurteilte und sich dafür
einsetzte, dass die übergeordneten Gründe für den Frieden
von allen anerkannt würden.
Das diesjährige Thema der Überlegungen — »In der
Wahrheit liegt der Friede« — bringt die Überzeugung zum
Ausdruck, dass der Mensch, wo und wann immer er sich vom Glanz der Wahrheit
erleuchten lässt, fasst selbstverständlich den Weg des Friedens
einschlägt. Die pastorale Konstitution Gaudium et spes des Zweiten
Vatikanischen Konzils, das vor 40 Jahren abgeschlossen wurde, stellt fest,
dass es der Menschheit nur dann gelingen wird, »die Welt für
alle wirklich menschlicher zu gestalten [...], wenn alle sich in einer
inneren Erneuerung der Wahrheit des Friedens zuwenden«. Doch welche
Bedeutungen will der Ausdruck »Wahrheit des Friedens« ins Bewusstsein
rufen? Um diese Frage in angemessener Weise zu beantworten, muss
man sich vergegenwärtigen, dass der Friede nicht auf das bloße Nichtvorhandensein
bewaffneter Konflikte zu reduzieren ist, sondern verstanden werden muss
als »die Frucht der Ordnung, die ihr göttlicher Gründer
selbst in die menschliche Gesellschaft eingestiftet hat«, eine Ordnung, »die
von den nach immer vollkommenerer Gerechtigkeit strebenden Menschen verwirklicht
werden muss«. Als Ergebnis einer von der Liebe Gottes entworfenen
und gewollten Ordnung besitzt der Friede eine ihm innewohnende und unüberwindliche
Wahrheit und entspricht »einer Sehnsucht und einer Hoffnung, die
unzerstörbar in uns lebendig sind«.
In dieser Weise beschrieben, gestaltet sich der Friede als himmlische
Gabe und göttliche Gnade, die auf allen Ebenen die praktische Übernahme
der größten Verantwortung erfordert, nämlich der, die menschliche
Geschichte in Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe der göttlichen
Ordnung anzupassen. Wenn man sich nicht mehr an die transzendente Ordnung
der Dinge hält und die »Grammatik« des Dialogs, das in
das Herz des Menschen eingeschriebene allgemeine Sittengesetz, nicht mehr
anerkennt, wenn die ganzheitliche Entwicklung der Person und der Schutz
ihrer Grundrechte behindert und verhindert wird, wenn viele Völker
gezwungen sind, unerträgliche Ungerechtigkeiten und Missverhältnisse
zu erleiden, wie kann man dann auf die Verwirklichung jenes Gutes
hoffen, das der Friede ist? Damit schwinden nämlich die wesentlichen Elemente
dahin, die der Wahrheit jenes Gutes Gestalt verleihen. Der heilige Augustinus
hat den Frieden beschrieben als »tranquillitas ordinis«, als
die Ruhe der Ordnung, das heißt als die Situation, die letztlich
ermöglicht, die Wahrheit des Menschen vollständig zu achten
und zu verwirklichen.
Wer und was kann also die Verwirklichung des Friedens verhindern?
In diesem Zusammenhang betont die Heilige Schrift in ihrem ersten Buch,
der Genesis, die Lüge, die zu Beginn der Geschichte von dem doppelzüngigen
Wesen ausgesprochen wurde, das der Evangelist Johannes als den »Vater
der Lüge« bezeichnet (Joh 8,44). Die Lüge ist auch eine
der Sünden, welche die Bibel im letzten Kapitel ihres letzten Buches,
der Offenbarung, erwähnt, um den Ausschluss der Lügner aus dem
himmlischen Jerusalem anzukündigen: »Draußen bleibt ...
jeder, der die Lüge liebt und tut« (Offb 22,15). Mit der Lüge
ist das Drama der Sünde mit ihren perversen Folgen verbunden, die
verheerende Auswirkungen im Leben der Einzelnen sowie der Nationen verursacht
haben und weiter verursachen. Man denke nur daran, was im vergangenen Jahrhundert
geschehen ist, als irrige ideologische und politische Systeme die Wahrheit
planmäßig verfälschten und so zur Ausbeutung und Unterdrückung
einer erschütternden Anzahl von Menschen führten, ja, sogar ganze
Familien und Gemeinschaften ausrotteten. Wie könnte man nach diesen
Erfahrungen nicht ernstlich besorgt sein angesichts der Lügen unserer
Zeit, die den Rahmen bilden für bedrohliche Szenerien des Todes in
nicht wenigen Regionen der Welt? Die echte Suche nach Frieden
muss von dem Bewusstsein ausgehen, dass das Problem der Wahrheit und
der Lüge
jeden Menschen betrifft und sich als entscheidend erweist für eine
friedliche Zukunft unseres Planeten.
Der Friede ist eine nicht zu unterdrückende Sehnsucht im Herzen eines
jeden Menschen, jenseits aller spezifischen kulturellen Eigenheiten. Gerade
deshalb muss jeder sich dem Dienst an einem so kostbaren Gut verpflichtet
fühlen und sich dafür einsetzen, dass sich keine Form der Unwahrheit
einschleicht, um die Beziehungen zu vergiften. Alle Menschen gehören
ein und derselben Familie an. Die übertriebene Verherrlichung der
eigenen Verschiedenheit steht im Widerspruch zu dieser Grundwahrheit. Man
muss das Bewusstsein, durch ein und dasselbe, letztlich transzendente Schicksal
vereint zu sein, wiedererlangen, um die eigenen historischen und kulturellen
Verschiedenheiten am besten zur Geltung bringen zu können, indem man
sich den Angehörigen der anderen Kulturen nicht entgegenstellt, sondern
sich mit ihnen abstimmt. Diese einfachen Wahrheiten sind es,
die den Frieden ermöglichen; sie werden leicht verständlich, wenn man mit lauteren
Absichten auf das eigene Herz hört. Dann erscheint der Friede in neuer
Weise: nicht als bloßes Nichtvorhandensein von Krieg, sondern als
Zusammenleben der einzelnen Menschen in einer von der Gerechtigkeit geregelten
Gesellschaft, in der so weit wie möglich auch das Wohl eines jeden
von ihnen verwirklicht wird. Die Wahrheit des Friedens ruft alle
dazu auf, fruchtbare und aufrichtige Beziehungen zu pflegen, und regt
dazu an, die
Wege des Verzeihens und der Versöhnung zu suchen und zu gehen sowie
ehrlich zu sein in den Verhandlungen und treu zum einmal gegebenen Wort
zu stehen. Besonders der Jünger Jesu, der sich vom Bösen bedroht
fühlt und deshalb spürt, dass er das befreiende Eingreifen des
göttlichen Meisters braucht, wendet sich vertrauensvoll an Ihn in
dem Bewusstsein, dass »er keine Sünde begangen hat und in seinem
Mund kein trügerisches Wort war« (vgl. 1 Petr 2,22; vgl. auch
Jes 53,9). […] Jesus ist die Wahrheit, die uns den Frieden gibt.
[…] Angesichts der Gefahren, die die Menschheit in dieser unserer
Zeit erlebt, ist es Aufgabe aller Katholiken, in allen Teilen der Welt
das »Evangelium des Friedens« vermehrt zu verkündigen
und stärker Zeugnis dafür zu geben sowie deutlich klarzustellen,
dass die Anerkennung der vollständigen Wahrheit Gottes die unerlässliche
Vorbedingung für die Stärkung der Wahrheit des Friedens ist.
Gott ist Liebe, die rettet, ein liebevoller Vater, der sehen möchte,
dass seine Kinder sich gegenseitig als Geschwister erkennen, die verantwortlich
danach streben, die verschiedenen Begabungen in den Dienst des Allgemeinwohls
der menschlichen Familie zu stellen. Gott ist eine unerschöpfliche
Quelle der Hoffnung, die dem persönlichen wie dem kollektiven Leben
Sinn verleiht. Gott, allein Gott lässt jedes gute Werk und jedes Werk
des Friedens wirksam werden. Die Geschichte hat reichlich bewiesen,
dass der Kampf gegen Gott, um Ihn aus den Herzen der Menschen zu vertilgen,
die Menschheit verängstigt und verarmt in Entscheidungen führt,
die keine Zukunft besitzen.
[…] Der Friede muss, um authentisch und anhaltend zu sein, auf dem
Fels der Wahrheit Gottes und der Wahrheit des Menschen aufgebaut sein.
Allein diese Wahrheit kann die Herzen empfindsam für die Gerechtigkeit
machen, sie der Liebe und der Solidarität öffnen und alle ermutigen,
für eine wirklich freie und solidarische Menschheit zu arbeiten.
Ja, allein auf der Wahrheit Gottes und des Menschen ruhen die Fundamente
eines
echten Friedens.
Zum Abschluss dieser Botschaft möchte ich mich nun speziell an diejenigen
wenden, die an Christus glauben, um sie erneut aufzufordern, aufmerksame
und verfügbare Jünger des Herrn zu werden. Indem wir auf das
Evangelium hören, liebe Brüder und Schwestern, lernen wir, den
Frieden auf die Wahrheit eines täglichen Lebens zu gründen, das
sich am Gebot der Liebe orientiert. Es ist notwendig, dass jede Gemeinde
in einem intensiven und weit gestreuten Einsatz durch Erziehung und Zeugnis
in jedem das Bewusstsein wachsen lässt für die Dringlichkeit,
die Wahrheit des Friedens immer tiefer zu entdecken. Zugleich
bitte ich darum, das Gebet zu verstärken, denn der Friede ist vor allem ein
Geschenk Gottes, das unaufhörlich erfleht werden muss. Dank der göttlichen
Hilfe werden die Verkündigung der Wahrheit des Friedens und das Zeugnis
für sie mit Sicherheit überzeugender und erhellender erscheinen.
Wenden wir vertrauensvoll und in kindlicher Hingabe unseren Blick
auf Maria, die Mutter des Friedensfürstes. Am Anfang dieses
neuen Jahres bitten wir Sie, dem gesamten Gottesvolk zu helfen, in jeder
Lage Friedensstifter
zu sein, indem es sich erleuchten lässt von der Wahrheit, die frei
macht (vgl. Joh 8,32). Möge die Menschheit auf ihre Fürsprache
hin eine immer größere Wertschätzung für dieses grundlegende
Gut entwickeln und sich dafür einsetzen, sein Vorhandensein in der
Welt zu festigen, um den nachwachsenden Generationen eine unbeschwertere
und sicherere Zukunft zu übergeben.
Aus dem Vatikan, am 8. Dezember 2005.
©HM Nr. 21 Januar-Februar 2006
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