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Ausschnitte der Predigt von
Benedikt XVI
BEGEGNUNG MIT DEN KIRCHLICHEN BEWEGUNGEN
UND NEUEN GEMEINSCHAFTEN

 

 

     Liebe Brüder und Schwestern!

     Ihr seid am heutigen Abend wirklich in großer Zahl auf den Petersplatz gekommen, um an dieser Pfingstvigil teilzunehmen. Ich danke euch von Herzen. Ihr gehört verschiedenen Völkern und Kulturen an und vertretet hier alle Mitglieder der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften, die geistlich um den Nachfolger Petri versammelt sind, damit sie die Freude verkünden, an Jesus Christus zu glauben, und die Verpflichtung erneuern, in unserer Zeit seine treuen Jünger zu sein.

     Jetzt, in dieser Pfingstvigil, fragen wir uns: Wer oder was ist der Heilige Geist? Wie können wir ihn erkennen? Auf welche Weise gehen wir zu ihm und kommt er zu uns? Was wirkt er? Eine erste Antwort gibt uns der Pfingsthymnus, mit dem wir die Vesper begonnen haben: »Veni, Creator Spiritus … – Komm, Schöpfergeist …«. Der Hymnus spielt hier auf die ersten Verse der Bibel an, die in bildlicher Sprache die Schöpfung des Universums zum Ausdruck bringen. Dort heißt es zunächst, dass über dem Chaos, über der Urflut, Gottes Geist schwebte. Die Welt, in der wir leben, ist das Werk des Schöpfergeistes. Pfingsten ist nicht nur der Ursprung der Kirche und somit auf besondere Weise das Fest der Kirche; Pfingsten ist auch ein Fest der Schöpfung.

     Die Welt existiert nicht von allein; sie kommt aus Gottes Schöpfergeist, aus Gottes Schöpferwort. Und daher spiegelt sie auch Gottes Weisheit wider. Diese lässt in ihrer Größe und in der allumfassenden Logik ihrer Gesetze etwas von Gottes Schöpfergeist erahnen. Sie ruft uns zur Ehrfurcht auf. Gerade derjenige, der als Christ an den Schöpfergeist glaubt, wird sich der Tatsache bewusst, dass wir die Welt und die Materie nicht als bloßes Material missbrauchen dürfen, mit dem wir tun können, was wir wollen, sondern dass wir die Schöpfung als ein Geschenk betrachten müssen, das uns nicht anvertraut wurde, damit wir es zerstören, sondern damit es zum Garten Gottes und somit zum Garten des Menschen werde. Angesichts des vielgestaltigen Missbrauchs der Erde, den wir heute vor Augen haben, hören wir fast das Seufzen der Schöpfung, von dem der hl. Paulus spricht (Röm 8,22), und beginnen, die Worte dieses Apostels zu verstehen, der sagt, dass die ganze Schöpfung sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes wartet, um befreit zu werden und ihre Herrlichkeit zu erlangen.

    Liebe Freunde, wir wollen diese Söhne Gottes sein, auf die die Schöpfung wartet, und wir können es sein, weil der Herr uns in der Taufe zu solchen gemacht hat. Ja, die Schöpfung und die Geschichte – sie warten auf uns, warten auf Männer und Frauen, die wirklich Kinder Gottes sind und sich entsprechend verhalten.

     So haben wir eine erste Antwort gefunden auf die Frage, was der Heilige Geist ist, was er wirkt und wie wir ihn erkennen können. Er kommt uns entgegen durch die Schöpfung und ihre Schönheit. Die gute Schöpfung Gottes ist jedoch im Laufe der Menschheitsgeschichte von einer dicken Schmutzschicht bedeckt worden, die es unmöglich oder zumindest schwierig macht, in ihr den Abglanz des Schöpfers zu erkennen – auch wenn bei einem Sonnenuntergang am Meer, auf einer Bergwanderung oder vor einer blühenden Blume in uns immer wieder, fast wie von selbst, das Bewusstsein der Existenz des Schöpfers erwacht.

     Aber der Schöpfergeist kommt uns zu Hilfe. Er ist in die Geschichte eingetreten und spricht so auf neue Weise zu uns. In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden und hat uns sozusagen gestattet, einen Blick in das Innere Gottes zu werfen. Und dort sehen wir etwas völlig Unerwartetes: In Gott gibt es ein Ich und ein Du. Der geheimnisvolle Gott ist keine unendliche Einsamkeit; er ist ein Ereignis der Liebe. Wenn wir beim Anblick der Schöpfung glauben, den Schöpfergeist, Gott selbst, erahnen zu können, beinahe als schöpferische Mathematik, als Macht, die die Gesetze der Welt und ihre Ordnung formt und dann wiederum auch als Schönheit – dann erfahren wir jetzt: Der Schöpfergeist hat ein Herz. Er ist die Liebe.

     Es gibt den Sohn, der mit dem Vater spricht. Und beide sind eins im Geist, der sozusagen die Atmosphäre des Schenkens und des Liebens ist, das aus ihnen einen einzigen Gott macht. Diese Einheit der Liebe, die Gott ist, ist eine viel erhabenere Einheit als es die Einheit eines kleinsten nicht mehr teilbaren Teilchens sein könnte. Gerade der dreieinige Gott ist der einzige eine Gott.

     Durch Jesus werfen wir sozusagen einen Blick in das Innere Gottes. »Er sendet den Heiligen Geist« – so d     rückt es die Heilige Schrift aus. Welche Wirkung hat dies? Ich möchte vor allem zwei Aspekte hervorheben: Der Heilige Geist, durch den Gott zu uns kommt, bringt uns Leben und Freiheit. Leben und Freiheit – das ist das, wonach wir alle uns sehnen. Aber was ist das – wo und wie finden wir das »Leben«?

     Ich glaube, dass die allermeisten Menschen spontan dieselbe Lebensauffassung haben wie der verlorene Sohn im Evangelium. Er hatte sich sein Erbteil ausbezahlen lassen, und jetzt fühlte er sich frei, wollte endlich ohne die Last der häuslichen Pflichten leben, er wollte nur leben, all das vom Leben haben, was dieses bieten konnte: es aus vollen Zügen genießen – leben, nur leben, aus der Fülle des Lebens schöpfen und nichts von dem verpassen, was es Wertvolles anzubieten hatte. Am Ende fand er sich als Schweinehirt wieder und beneidete sogar diese Tiere – so leer und nichts sagend war sein Leben geworden. Und als nichts sagend entpuppte sich auch seine Freiheit.

     Geschieht das vielleicht nicht auch heute? Wenn man das Leben nur an sich reißen will, dann wird es immer leerer, immer ärmer; schließlich sucht man leicht Zuflucht in den Drogen, in der großen Illusion. Und Zweifel kommen auf, ob es letztendlich wirklich gut ist zu leben. Nein, auf diese Weise finden wir das Leben nicht. Das Leben findet man nur, wenn man es hingibt; man findet es nicht, wenn man es an sich reißen will. Das müssen wir von Christus lernen; und das lehrt uns der Heilige Geist, der reines Geschenk ist, der die Hingabe Gottes ist. Je mehr man sein Leben für die anderen, für das Gute, hingibt, desto voller strömt der Fluss des Lebens.

     Liebe Freunde, die Bewegungen sind aus dem Durst nach dem wahren Leben entstanden; sie sind in jeder Hinsicht Bewegungen für das Leben. Wo die wahre Quelle des Lebens nicht mehr strömt, wo man das Leben nur an sich reißt, anstatt es hinzugeben, dort ist auch das Leben der anderen in Gefahr; dort ist man bereit, das schutzlose, noch ungeborene Leben auszuschließen, weil es dem eigenen Leben Raum zu nehmen scheint. Wenn wir das Leben schützen wollen, dann müssen wir vor allem die Quelle des Lebens wieder finden; dann muss das Leben selbst in seiner ganzen Schönheit und Erhabenheit wieder zum Vorschein kommen; dann müssen wir uns beleben lassen vom Heiligen Geist, der schöpferischen Quelle des Lebens.

     Im Aufbruch des verlorenen Sohnes verbinden sich die Themen des Lebens und der Freiheit miteinander. Er will das Leben, und darum will er vollkommen frei sein. Frei zu sein bedeutet in dieser Sichtweise, alles tun zu können, was man will, kein Kriterium außer- und oberhalb von mir selbst gelten zu lassen, nur meinem Wunsch und meinem Willen zu folgen. Wer so lebt, wird bald mit demjenigen zusammenstoßen, der auf dieselbe Weise leben will. Die notwendige Folge dieses egoistischen Freiheitsbegriffes ist die Gewalt, die gegenseitige Zerstörung der Freiheit und des Lebens.
Liebe Freunde, ich bitte euch, in noch stärkerem, noch viel stärkerem Umfang Mitarbeiter zu sein am universalen apostolischen Dienst des Papstes, indem ihr Christus die Türen öffnet. Das ist der beste Dienst der Kirche an den Menschen und besonders an den Armen, damit das Leben des einzelnen, eine gerechtere Sozialordnung und das friedliche Zusammenleben der Nationen in Christus den »Eckstein« finden mögen, auf dem die wahre Zivilisation, die Zivilisation der Liebe, gebaut werden kann. Der Heilige Geist schenkt den Gläubigen eine höhere Sichtweise von der Welt, vom Leben und von der Geschichte und macht sie zu Hütern der Hoffnung, die nicht zugrunde gehen lässt. Bitten wir also Gottvater durch unseren Herrn Jesus Christus in der Gnade des Heiligen Geistes, dass die Feier des Hochfestes Pfingsten wie ein loderndes Feuer und wie ein heftiger Sturm für das christliche Leben und für die Sendung der ganzen Kirche sein möge.

     Ich vertraue die Anliegen eurer Bewegungen und Gemeinschaften dem Herzen der allerseligsten Jungfrau Maria an, die mit den Aposteln im Abendmahlssaal anwesend war: Sie möge ihre konkrete Umsetzung erbitten. Auf euch alle rufe ich die Ausgießung der Gaben des Heiligen Geistes herab, damit auch unsere Zeit ein neues Pfingsten erfahren kann. Amen!

©HM Nr. 24 Juli - August 2006


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