| |
Liebe Brüder und Schwestern! 
Ihr seid am heutigen Abend wirklich in großer Zahl auf den Petersplatz
gekommen, um an dieser Pfingstvigil teilzunehmen. Ich danke euch von Herzen.
Ihr gehört verschiedenen Völkern und Kulturen an und vertretet
hier alle Mitglieder der kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften,
die geistlich um den Nachfolger Petri versammelt sind, damit sie die Freude
verkünden, an Jesus Christus zu glauben, und die Verpflichtung erneuern,
in unserer Zeit seine treuen Jünger zu sein.
Jetzt, in dieser Pfingstvigil, fragen wir uns: Wer
oder was ist der Heilige Geist? Wie können wir ihn erkennen? Auf welche Weise gehen wir zu
ihm und kommt er zu uns? Was wirkt er? Eine erste Antwort gibt uns der
Pfingsthymnus, mit dem wir die Vesper begonnen haben: »Veni, Creator
Spiritus … – Komm, Schöpfergeist …«. Der Hymnus
spielt hier auf die ersten Verse der Bibel an, die in bildlicher Sprache
die Schöpfung des Universums zum Ausdruck bringen. Dort heißt
es zunächst, dass über dem Chaos, über der Urflut, Gottes
Geist schwebte. Die Welt, in der wir leben, ist das Werk des Schöpfergeistes.
Pfingsten ist nicht nur der Ursprung der Kirche und somit auf besondere
Weise das Fest der Kirche; Pfingsten ist auch ein Fest der Schöpfung.
Die Welt existiert nicht von allein;
sie kommt aus Gottes Schöpfergeist,
aus Gottes Schöpferwort. Und daher spiegelt sie auch Gottes Weisheit
wider. Diese lässt in ihrer Größe und in der allumfassenden
Logik ihrer Gesetze etwas von Gottes Schöpfergeist erahnen. Sie ruft
uns zur Ehrfurcht auf. Gerade derjenige, der als Christ an den Schöpfergeist
glaubt, wird sich der Tatsache bewusst, dass wir die Welt und die Materie
nicht als bloßes Material missbrauchen dürfen, mit dem wir tun
können, was wir wollen, sondern dass wir die Schöpfung als ein
Geschenk betrachten müssen, das uns nicht anvertraut wurde, damit
wir es zerstören, sondern damit es zum Garten Gottes und somit zum
Garten des Menschen werde. Angesichts des vielgestaltigen Missbrauchs der
Erde, den wir heute vor Augen haben, hören wir fast das Seufzen der
Schöpfung, von dem der hl. Paulus spricht (Röm 8,22), und beginnen,
die Worte dieses Apostels zu verstehen, der sagt, dass die ganze Schöpfung
sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes wartet, um
befreit zu werden und ihre Herrlichkeit zu erlangen.
Liebe Freunde, wir wollen diese Söhne Gottes sein, auf die die Schöpfung
wartet, und wir können es sein, weil der Herr uns in der Taufe zu
solchen gemacht hat. Ja, die Schöpfung und die Geschichte – sie
warten auf uns, warten auf Männer und Frauen, die wirklich Kinder
Gottes sind und sich entsprechend verhalten.
So haben wir eine erste Antwort gefunden auf die Frage, was der Heilige
Geist ist, was er wirkt und wie wir ihn erkennen können. Er
kommt uns entgegen durch die Schöpfung und ihre Schönheit. Die gute
Schöpfung Gottes ist jedoch im Laufe der Menschheitsgeschichte von
einer dicken Schmutzschicht bedeckt worden, die es unmöglich oder
zumindest schwierig macht, in ihr den Abglanz des Schöpfers zu erkennen – auch
wenn bei einem Sonnenuntergang am Meer, auf einer Bergwanderung oder vor
einer blühenden Blume in uns immer wieder, fast wie von selbst, das
Bewusstsein der Existenz des Schöpfers erwacht.
Aber der Schöpfergeist kommt uns zu Hilfe. Er ist in die Geschichte
eingetreten und spricht so auf neue Weise zu uns. In Jesus Christus ist
Gott Mensch geworden und hat uns sozusagen gestattet, einen Blick in das
Innere Gottes zu werfen. Und dort sehen wir etwas völlig Unerwartetes:
In Gott gibt es ein Ich und ein Du. Der geheimnisvolle Gott ist keine unendliche
Einsamkeit; er ist ein Ereignis der Liebe. Wenn wir beim Anblick der Schöpfung
glauben, den Schöpfergeist, Gott selbst, erahnen zu können, beinahe
als schöpferische Mathematik, als Macht, die die Gesetze der Welt
und ihre Ordnung formt und dann wiederum auch als Schönheit – dann
erfahren wir jetzt: Der Schöpfergeist hat ein Herz. Er ist
die Liebe.
Es gibt den Sohn, der mit dem Vater spricht. Und beide sind eins im Geist,
der sozusagen die Atmosphäre des Schenkens und des Liebens ist, das
aus ihnen einen einzigen Gott macht. Diese Einheit der Liebe, die
Gott ist, ist eine viel erhabenere Einheit als es die Einheit eines kleinsten
nicht mehr teilbaren Teilchens sein könnte. Gerade der dreieinige
Gott ist der einzige eine Gott.
Durch Jesus werfen wir sozusagen einen Blick in das Innere Gottes. »Er
sendet den Heiligen Geist« – so d rückt es die Heilige
Schrift aus. Welche Wirkung hat dies? Ich möchte vor allem zwei Aspekte
hervorheben: Der Heilige Geist, durch den Gott zu uns kommt, bringt
uns Leben und Freiheit. Leben und Freiheit – das ist das, wonach wir
alle uns sehnen. Aber was ist das – wo und wie finden wir das »Leben«?
Ich glaube, dass die allermeisten Menschen spontan dieselbe Lebensauffassung
haben wie der verlorene Sohn im Evangelium. Er hatte sich sein Erbteil
ausbezahlen lassen, und jetzt fühlte er sich frei, wollte endlich
ohne die Last der häuslichen Pflichten leben, er wollte nur leben,
all das vom Leben haben, was dieses bieten konnte: es aus vollen Zügen
genießen – leben, nur leben, aus der Fülle des Lebens
schöpfen und nichts von dem verpassen, was es Wertvolles anzubieten
hatte. Am Ende fand er sich als Schweinehirt wieder und beneidete sogar
diese Tiere – so leer und nichts sagend war sein Leben geworden.
Und als nichts sagend entpuppte sich auch seine Freiheit.
Geschieht das vielleicht nicht auch heute? Wenn man das Leben nur an sich
reißen will, dann wird es immer leerer, immer ärmer; schließlich
sucht man leicht Zuflucht in den Drogen, in der großen Illusion.
Und Zweifel kommen auf, ob es letztendlich wirklich gut ist zu leben. Nein,
auf diese Weise finden wir das Leben nicht. Das Leben findet man
nur, wenn man es hingibt; man findet es nicht, wenn man es an sich reißen will.
Das müssen wir von Christus lernen; und das lehrt uns der Heilige
Geist, der reines Geschenk ist, der die Hingabe Gottes ist. Je mehr man
sein Leben für die anderen, für das Gute, hingibt, desto voller
strömt der Fluss des Lebens.
Liebe Freunde, die Bewegungen sind aus dem Durst nach dem wahren Leben
entstanden; sie sind in jeder Hinsicht Bewegungen für das Leben. Wo
die wahre Quelle des Lebens nicht mehr strömt, wo man das Leben nur
an sich reißt, anstatt es hinzugeben, dort ist auch das Leben der
anderen in Gefahr; dort ist man bereit, das schutzlose, noch ungeborene
Leben auszuschließen, weil es dem eigenen Leben Raum zu nehmen scheint.
Wenn wir das Leben schützen wollen, dann müssen wir vor allem
die Quelle des Lebens wieder finden; dann muss das Leben selbst in seiner
ganzen Schönheit und Erhabenheit wieder zum Vorschein kommen; dann
müssen wir uns beleben lassen vom Heiligen Geist, der schöpferischen
Quelle des Lebens.
Im Aufbruch des verlorenen Sohnes verbinden sich die Themen des Lebens
und der Freiheit miteinander. Er will das Leben, und darum will
er vollkommen frei sein. Frei zu sein bedeutet in dieser Sichtweise, alles tun zu können,
was man will, kein Kriterium außer- und oberhalb von mir selbst gelten
zu lassen, nur meinem Wunsch und meinem Willen zu folgen. Wer so lebt,
wird bald mit demjenigen zusammenstoßen, der auf dieselbe Weise leben
will. Die notwendige Folge dieses egoistischen Freiheitsbegriffes ist die
Gewalt, die gegenseitige Zerstörung der Freiheit und des Lebens.
Liebe Freunde, ich bitte euch, in noch stärkerem, noch viel stärkerem
Umfang Mitarbeiter zu sein am universalen apostolischen Dienst des Papstes,
indem ihr Christus die Türen öffnet. Das ist der beste Dienst
der Kirche an den Menschen und besonders an den Armen, damit das Leben
des einzelnen, eine gerechtere Sozialordnung und das friedliche Zusammenleben
der Nationen in Christus den »Eckstein« finden mögen,
auf dem die wahre Zivilisation, die Zivilisation der Liebe, gebaut werden
kann. Der Heilige Geist schenkt den Gläubigen eine höhere Sichtweise
von der Welt, vom Leben und von der Geschichte und macht sie zu Hütern
der Hoffnung, die nicht zugrunde gehen lässt. Bitten wir also Gottvater
durch unseren Herrn Jesus Christus in der Gnade des Heiligen Geistes, dass
die Feier des Hochfestes Pfingsten wie ein loderndes Feuer und wie ein
heftiger Sturm für das christliche Leben und für die Sendung
der ganzen Kirche sein möge.
Ich vertraue die Anliegen eurer Bewegungen und Gemeinschaften dem Herzen
der allerseligsten Jungfrau Maria an, die mit den Aposteln im Abendmahlssaal
anwesend war: Sie möge ihre konkrete Umsetzung erbitten. Auf euch
alle rufe ich die Ausgießung der Gaben des Heiligen Geistes herab,
damit auch unsere Zeit ein neues Pfingsten erfahren kann. Amen!
©Zeitschrift HM º 24Juli/August 2006
|