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Am Festtag Unserer Lieben Frau
von Fatima, dem 13. Mai dieses Jahr, musste ich von unserem Haus, umgeben
von Eukalyptuswäldern, nach Santander fahren. Der Grund dafür
war ziemlich schmerzhaft. Ich musste dem Begräbnis von Carmina
Gonzalez*,
enge Freundin Mamies, Mitglied des Heims der Mutter und Gattin von Luis
Lopez*, beiwohnen. Perplex betrachtete ich einen halb abgebauten Berg
für den Bau von Wohnsiedlungen, und die Angriffe, die auf eine Landschaft
gemacht wurde, die nie mehr dieselbe sein wird. Es handelte sich um keine
Narben mehr, sondern um wahre Vernichtung durch einen beschleunigten
Prozess an wildem Städtebau.
Einige meiner Leser haben sicher bereits ähnlichen Eindruck gehabt: Unsere Straße ist nicht mehr dieselbe. Sie wurde ziemlich umgestaltet
wodurch ebenso ihr Zauber verschwand, von dem wir bei jedem Spaziergang überwunden
waren. Dieses Gefühl ist genauso seltsam, als das Gefühl, das
man hat, wird unser Geburtshaus für den Bau einiger Hochhäuser
niedergerissen. Die Städtebauer und Immobilienmakler verstehen jedoch
nichts von Gefühlen. Sie sind unmenschlich. Und stets finden sie einen „Einwand“,
um den Bau einer Anlage durchzuführen. Das Gebot, die neue Stadt zerstört
die alte, ist unerbittlich. Und nicht alle, die an der Spitze der Verwaltung
stehen, besitzen ein Gefühl für die Schönheit. Das
Geld ist „das Exkrement des Teufels“ (Giovanni Papini), es
beschmutzt alles.
Und es war in diesem Augenblick, als ich Mamies Worte verstand,
die meinem Verständnis stets ver-schlossen geblieben waren. Mamie erklärte
mir, dass sie absolut keinen Wunsch verspürte nach Belgien, geschweige
den nach Brüssel oder ihrer Mietwohnung in der Avenue Tervuren, eine
der schönsten und geräumigsten Straßen der derzeitigen
Hauptstadt der Europäischen Union, zurückzukehren. Noch mehr,
sie fürchtete, dass der Augenblick kommen würde, an dem sie zurück
müsste.
Und der Augenblick kam: Ihre Schwester Jeannot, Tochter der Nächstenliebe,
die in der Gemeinschaft den Namen Maria Elena trug, kehrte kurz nach Beendigung
des Krieges aus Vietnam zurück, wo sie viele Jahre lang als Missionarin
unter den „Montagnards“ (Bergvölker Vietnams, Kambodschas
und Laos) gearbeitet hatte. Mamie betete ununterbrochen für ihre Schwester,
befand sich diese doch monatelang in Gefangenschaft der „Vietcong“ (kommunistische
Guerillakämpfer Vietnams). Wir holten sie von Paris ab, um sie nach
Brüssel zu bringen.
So nützte ich diese Tage, in Brüssel Mamies Wohnviertel und andere
interessante Plätze aufzu-suchen, wie das Schaerbeckviertel, wo sie
zur Welt kam, die Kirche, in der sie getauft wurde, den Park „Saint
Josaphat“, wo sie mit ihrer Schwester spielte, den Bahnhof, bei dem
sie Mariechen kennen lernte, die Kirche „Saint Suzanne“, in
der sie mit Francios Treutten heiratete, den Brunnen von „Sainte
Reinalde“, wo sie von ihrer Blindheit geheilt wurde,… und schließlich
ihr Haus in der Avenue Tervuren.
Gemäß den Besuchen dieser Orte voller ange-nehmer und zugleich
schmerzhafter Erinnerungen bemerkte ich wie sehr Mamie innerlich litt. Als wir in Avenue Tervuren angelangten, in der sie mit Francois gewohnt
hatte, erzählte sie mir von damals. „Aber“, sagte sie
mit gewisser Traurigkeit, „es ist jetzt schon nicht mehr dieselbe
Avenue. Die Nuntiatur befand sich beinahe gegenüber unserem Haus.
Und dort kannten sie mich, war doch meine Schwester eine Tochter der Nächstenliebe,
weshalb sie sehr oft in der Nuntiatur vorbeischaute. Die Straße war
ziemlich breit, doch gab es kaum Verkehr. In der Mitte befand sich eine
sehr breite Promenade mit großen, schlanken Bäumen und Blumen-beeten,
wo man in aller Ruhe spazieren gehen konnte. Es ist nicht mehr dasselbe.
Sie haben alles geändert.“
Als wir wieder von unserer Reise zurückkehrten, fasste Mamie den Entschluss,
nie wieder zurückzukehren. Für sie mussten die Erinnerungen wie
ein Reichtum der Seele unversehrt im Gedächtnis bleiben. Sind sie
schön, so sind sie wie die Sonne der Seele.
Keinesfalls handelte es sich um eine entmutigende Romantik, sondern um
den Reichtum der Seele. Sehe ich jetzt die Umgebung, in der ich gelebt
habe, vor meinen Augen verschwinden, so verstehe ich diese Gefühle
und werde mir über ihren Wert bewusst.
*Carmina Gonzalez und Luis Lopez lernten Mamie in Santander
kennen, nachdem sie nach Spanien gezogen war. Ab diesem Augenblick nahmen
sie durch ihre bedingungslose Hilfe an der kleinen Geschichte des Heims
der Mutter teil.
Von P. Rafael Alonso
©Zeitschrift HM Nr. 30 Juli/August 2007
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