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Liebe Jugendliche,
[…] zusammen mit Franziskus empfängt uns hier das Herz der Mutter,
der »Jungfrau, zur Kirche gemacht «, wie er sie im Gebet gerne
nannte (vgl. Gruß an die selige Jungfrau Maria, 1: FF 259). Franziskus
empfand eine besondere Liebe für das Portiunkula-Kirchlein, das in
dieser Basilika »Santa Maria degli Angeli« bewahrt wird. Es
gehörte zu den Kirchen, die er in den ersten Jahren seiner Bekehrung
wiederherstellte und wo er das Evangelium von der Aus-sendung der Jünger
hörte und medi-tierte. Nach den Anfängen bei Rivotorto errichtete
er hier das »Hauptquartier« des Ordens, wo die Brüder
die Möglichkeit haben sollten, sich gleichsam wie im Mutterschoß zu
sammeln, um Kraft zu schöpfen und, von apostolischem Eifer erfüllt,
wieder aufzubrechen. Hier erhielt er für alle eine Quelle der Barmherzigkeit
in der Erfahrung der »großen Vergebung«, die wir alle
immer nötig haben. Hier schließlich erlebte er seine Begegnung
mit »Bruder Tod«.

Liebe Jugendliche, ihr wisst, dass der Grund, der mich nach Assisi
ge-führt
hat, der Wunsch war, den inneren Weg des hl. Franziskus erneut zu erleben
aus Anlass des 800. Jahrestages seiner Bekehrung. […] Der hl. Franziskus
spricht alle an, aber ich weiß, dass er gerade auf euch junge Menschen
eine besondere Anziehungskraft ausübt. Das bestätigt mir eure
so zahlreiche Anwesenheit wie auch die Fragen, die ihr mir gestellt habt.
Seine Bekehrung geschah, als er auf dem Höhepunkt seiner Kräfte,
seiner Erfahrungen, seiner Träume war. Er hatte 25 Jahre gelebt, ohne
den Sinn des Lebens zu verstehen. Wenige Monate bevor er starb, sollte
er sich an diese Zeit erinnern als eine Zeit, in der er »in Sünden
war« (vgl. 2 Test 1: FF 110). An was dachte Franziskus,
wenn er von Sünden sprach? Aus den Biographien, von denen jede ihr eigenes Profil
hat, ist dies nicht leicht zu ersehen. Ein eindrucksvolles Bild seiner
Art zu leben findet sich in der Dreigefährten-legende, wo zu lesen
ist: »… denn er war viel freigebiger und heiterer. Er tat sich
mit Gleichgesinnten zusammen und durchzog, dem Spiel und Sang ergeben,
Tag und Nacht die Stadt Assisi. Beim Ausgeben von Geld war er so überaus
verschwenderisch, dass er alles, was er haben und verdienen konnte, für
Gastmähler und andere Dinge verwendete« (1,2: FF 1396).
Ü
ber wie viele Jugendliche auch unserer Tage könnte man nicht etwas Ähnliches
sagen? Heute besteht zudem die Möglichkeit, sich weit über die
eigene Stadt hinaus zu vergnügen. Die Veran-staltungen an den Wochenenden
ziehen viele Jugendliche an. Man kann auch »virtuell « im Internet »umherziehen« auf
der Suche nach Informationen oder Kontakten jeder Art. Leider gibt es auch
Jugendliche – und es sind viele, zu viele! –, die ebenso oberflächliche
wie zerstörerische geistige Welten in den künstlichen Paradiesen
der Droge suchen. Wie sollte man nicht sehen, dass viele junge
Menschen – und
auch weniger junge Menschen – versucht sind, dem Leben des jungen
Franziskus zu folgen, das er vor seiner Bekehrung geführt hat? Hinter
dieser Art zu leben stand die Sehnsucht nach Glück, die es in jedem
menschlichen Herz gibt. Aber konnte dieses Leben wahre Freude schenken?
Franziskus hat sie sicher nicht ge-funden. Ihr selbst, liebe Jugendliche,
könnt aufgrund eurer eigenen Erfahrung diese Tatsache überprüfen.
Die Wahrheit ist, dass die endlichen Dinge eine Ahnung von der
Freude vermitteln können, aber nur der Unendliche kann das Herz erfüllen. Das hat
ein anderer großer Bekehrter gesagt, der hl. Augustinus: »Du
hast uns auf dich hin geschaffen, o Herr, und ruhelos ist unser Herz, bis
es ruhet in dir« (Confess. 1,1).
Derselbe biographische Text be-richtet uns, dass Franziskus ziemlich eitel
war. Es gefiel ihm, teure Kleider anfertigen zu lassen, und er suchte auf-zufallen.
In der Eitelkeit, in dem Wunsch aufzufallen, gibt es etwas, das uns in
irgendeiner Weise alle betrifft. Heute pflegt man von der »Imagepflege« oder »Imagesuche« zu
sprechen. Um ein Minimum an Erfolg haben zu können, ist es nötig,
sich in den Augen der anderen mit etwas Außergewöhn-lichem,
Originellen Geltung zu verschaffen. In beschränktem Maß kann
dies ein Ausdruck des unschuldigen Wunsches sein, gut aufgenommen zu werden.
Aber oft schleicht sich der Stolz ein, die übertriebene Suche nach
uns selbst, der Egoismus und der Wille zu herrschen. In Wirklichkeit ist
es eine tödliche Falle, das Leben auf sich selbst zu konzentrieren:
Wir können nur wir selbst sein, wenn wir uns der Liebe öffnen,
indem wir Gott und unsere Brüder und Schwestern lieben.
Eine Eigenschaft, die Franziskus’ Zeitgenossen beeindruckte, war
auch sein Ehrgeiz, sein Durst nach Ruhm und Abenteuer. Das war es, was
ihn auf das Schlachtfeld brachte, mit dem Er-gebnis, dass er ein Jahr als
Gefangener in Perugia war. Nach seiner Befreiung brachte ihn dieselbe Ruhmsucht
dazu, in einer neuen militärischen Unternehmung nach Apulien zu gehen.
Aber bei eben dieser Gelegenheit, in Spoleto, wurde der Herr in
seinem Herzen gegen-wärtig, führte ihn dazu, umzukehren und ernsthaft
auf sein Wort zu hören.
Es ist interessant anzumerken, dass der Herr Franziskus so nimmt,
wie er ist, das heißt mit seinem Willen, be-rühmt zu werden, um ihm
den Weg eines heiligen Ehrgeizes zu weisen, der ins Unendliche gerichtet
ist: »Wer kann dir Besseres geben, der Herr oder der Knecht?« (Dreigefährtenlegende
2,6: FF 1401), so lautete die Frage, die in seinem Herzen
widerhallte. Das bedeu-tete so viel wie: Warum gibst
du dich damit zufrieden, in der Abhängigkeit von Menschen zu bleiben, wenn Gott bereit ist, dich in
sein Haus und in seinen königlichen Dienst aufzunehmen?
Liebe Jugendliche, ihr habt mich an einige Probleme der Jugendzeit erinnert,
an eure Schwierigkeit, euch eine Zukunft aufzubauen und besonders an die
Mühe, die Wahrheit zu erkennen. In der Leidens-geschichte Jesu finden
wir die Frage von Pilatus: »Was ist Wahrheit?« (Joh
18,38).
Es ist die Frage eines Skeptikers, der sagt: »Du sagst zwar, du bist
die Wahrheit, aber was ist die Wahrheit?« Und weil man die Wahrheit
nicht erkennen kann, gibt Pilatus zu verstehen: Wir tun das, was praktischer
ist, was mehr Erfolg hat, und ohne die Wahrheit zu suchen. Schließlich
verurteilt er Jesus zum Tod, weil er dem Pragmatismus folgt, den Erfolg
und das eigene Glück sucht. Auch heute sagen viele: »Aber, was
ist die Wahrheit? Wir können Teile von ihr finden, aber die Wahrheit,
wie sollten wir sie finden können?« Es ist wirklich schwierig
zu glauben, dass dies die Wahrheit ist: Jesus Christus, das wahre Leben,
der Kompass unseres Lebens. Und dennoch, wenn wir anfangen – und
dies ist eine große Versuchung – nur nach den Möglichkeiten
des Augenblicks zu leben, ohne Wahrheit, verlieren wir in Wirklichkeit
das Kriterium und auch das Fundament des gemein-samen Friedens, das nur
die Wahrheit sein kann. Und diese Wahrheit ist Christus. Die Wahrheit
Christi hat sich im Leben der Heiligen aller Jahrhunderte bewahrheitet. Die Heiligen
sind eine große leuchtende Spur in der Geschichte, die bezeugt: Das
ist das Leben, das ist der Weg, das ist die Wahrheit. Deshalb haben wir
den Mut, ja zu sagen zu Christus: »Deine Wahrheit wird im Leben vieler
Heiliger bestätigt. Wir folgen dir!«
[…] Franziskus hat in seinem Herzen die Stimme Christi gehört, und
was geschieht? Es geschieht, dass er versteht: er muss sich
in den Dienst der Nächsten stellen, besonders derer, die am meisten leiden.
Das ist die Folge dieser ersten Begegnung mit der Stimme Christi. Heute
Morgen habe ich auf dem Weg durch Rivotorto einen Blick auf den Ort geworfen,
wo der Überliefe-rung nach die Aussätzigen lebten: die Geringsten,
die Ausgegrenzten, gegenüber denen Franziskus ein unüberwindliches
Gefühl der Abscheu empfand. Von der Gnade ergriffen, öffnete
er ihnen sein Herz. Und er tat dies nicht nur durch ein mitleidsvolles
Almosen, das wäre zu wenig, sondern indem er sie küsste und ihnen
diente. Er selbst bekennt, dass das, was ihm vorher bitter vorkam, »in
Süßigkeit der Seele und des Leibes« verwandelt wurde (2
Test 3: FF 110).
Die Gnade beginnt also, Franziskus zu formen. Er wird immer fähiger,
seinen Blick fest auf das Antlitz Christi zu richten und dessen Stimme
zu hören. An diesem Punkt richtete der Gekreu-zigte von »San
Damiano« das Wort an ihn und berief ihn zu einer schwierigen Mission: »Franziskus,
geh hin und stell mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz verfallen
ist!« (2 Cel I,6,10: FF 593).
Als ich heute morgen haltgemacht habe in »San Damiano« und
dann in der Basilika »Santa Chiara«, wo das originale Kreuz
aufbewahrt wird, das zu Franziskus gesprochen hat, habe auch ich
meinen Blick auf die Augen Christi gerichtet. Es ist das Bild des gekreuzigten
und auferstandenen Christus, Leben der Kirche, der, wenn wir aufmerksam
sind, auch in uns spricht, wie Er vor 2000 Jahren zu seinen Aposteln und
vor 800 Jahren zu Franziskus gesprochen hat. Die Kirche lebt beständig
aus dieser Begegnung. Ja, liebe Jugendliche: Lassen wir es zu, dass Christus
uns begegnet! Vertrauen wir Ihm, hören wir auf sein Wort. In Ihm begegnen
wir nicht nur einem faszinierenden Menschen. Sicher ist Er vollkommen Mensch
und uns in allem ähnlich, außer der Sünde. Aber Er ist
auch sehr viel mehr: Gott ist in ihm Mensch geworden und deshalb ist Er
der einzige Retter, wie sein Name sagt: »Jesus«, das heißt »Gott
rettet«.
Nach Assisi kommt man, um von Franziskus das Geheimnis zu lernen,
wie man Jesus erkennt und Ihn erfährt. Nach den Worten seines ersten Biogra-phen
empfand Franziskus für Jesus folgendes: »Jesus trug er stets
im Herzen, Jesus im Munde, Jesus in den Ohren, Jesus in den Augen, Jesus
in den Händen, Jesus in den übrigen Gliedern… Oft, wenn
er seines Weges ging und ›Jesus‹ dachte oder sang, vergaß er
seines Weges und forderte alle Elemente auf zum Lobe Jesu« (1 Cel
II,9,115: FF 115). So sehen wir, dass die Gemeinschaft mit Jesus auch das
Herz und die Augen für die Schöpfung öffnet. Franziskus
war in der Tat ein wahrhaft in Jesus Verliebter. Er begegnete ihm im Wort
Gottes, in den Brüdern, in der Natur, aber vor allem in seiner eucharistischen
Gegenwart. Dazu schrieb er in seinem Testament: »Leiblicherweise
sehe ich von Ihm, dem höchsten Sohn Gottes, in dieser Welt nichts
als seinen heiligsten Leib und sein heiligstes Blut« (2
Test 10: FF 113). Das Weihnachtsfest in Greccio ist Ausdruck seines Wunsches, Ihn
in der zarten Menschennatur des Kindes zu betrachten. Die Erfahrung von
La Verna, wo er die Stigmata erhalten hat, zeigt die tiefe Vertrautheit,
die er in der Beziehung zum gekreuzigten Christus erreicht hat. Er konnte
wirklich mit Paulus sagen: »Für mich ist Christus das Leben« (Phil
1,21). Wenn er alles verlässt und die Armut wählt, dann ist der
Grund dafür Christus, und nur Christus. Jesus ist sein ein
und alles: und das genügt ihm!
Weil er Christus gehört, ist Franziskus auch ein Mann der Kirche.
Vom Gekreuzigten in »San Damiano« hatte er die Anweisung erhalten,
das Haus Christi, das die Kirche ist, wiederherzu-stellen. Zwischen Christus
und der Kirche gibt es eine innere und unauflösliche Verbindung. Dazu
gerufen zu werden, sie wieder herzustellen, beinhaltete in der Sendung
des hl. Franziskus sicher etwas ganz Persönliches und Neues. Zugleich
war diese Aufgabe im Grunde nichts anderes als die Verantwortung, die Christus
jedem Getauften überträgt. Auch zu jedem von uns sagt er: »Geh
und stelle mein Haus wieder her.« […] Wie wir wissen, gibt
es sehr viele Arten das Haus Gottes, die Kirche, wiederherzustellen, es
aufzubauen, es zu errichten. Es wird aufgebaut durch die verschiedensten
Berufungen, von der Berufung als Laie und als Familie bis hin zu einem
Leben der besonderen Weihe und der Priester-berufung.
An diesem Punkt möchte ich ein besonderes Wort über die letztgenannte
Berufung sagen. Franziskus, der Diakon, aber kein Priester war, hegte eine
große Verehrung für die Priester. Wohl wissend, dass es auch
unter den Dienern Gottes sehr viel Armut und Gebrechlichkeit gibt, sah
er sie als Diener des Leibes Christi an, und das reichte aus, um in ihm
Empfindungen der Liebe, der Verehrung und des Gehorsams zu wecken. Seine
Liebe zu den Priestern ist eine Einladung, die Schönheit dieser Berufung
wiederzuentdecken. Sie ist lebenswichtig für das Volk Gottes. Liebe
Jugendliche, umgebt eure Priester mit Liebe und Dankbarkeit. Wenn der Herr
jemand von euch zu diesem großen Dienst berufen sollte oder auch
zu einer Form des geweihten Lebens, zögert nicht euer »Ja« zu
sagen. Ja, es ist nicht leicht, aber es ist schön, dem Herrn zu dienen,
es ist schön, sein Leben für Ihn hinzugeben! […]
Wie in konzentrischen Kreisen breitet sich Franziskus’ Liebe zu Jesus
nicht nur auf die Kirche aus, sondern auf alle Dinge, die er in Christus
und durch Christus sieht. […] Sein innerer Blick ist so rein
und durchdringend geworden, dass er die Schönheit des Schöpfers in
der Schön-heit der Geschöpfe wahrnimmt.
Liebe Jugendliche, eure zahlreiche Anwesenheit hier zeigt, wie sehr die
Gestalt des Franziskus zu eurem Herzen spricht. Ich übergebe euch
gerne erneut seine Botschaft, aber vor allem sein Leben und sein Zeugnis.
Es ist Zeit, dass die jungen Menschen ernst machen wie Franziskus
und in eine persönliche Beziehung zu Jesus eintreten. […] Ich mache
mir nochmals die Einladung meines geliebten Vorgängers Johannes Paul
II. zu eigen, die er besonders gerne an die Jugendlichen richtete: »Öffnet
die Tore für Christus«. Öffnet sie, wie Franziskus es tat,
ohne Angst, ohne Berechnung, ohne Maß. Seid, liebe Jugendliche, meine
Freude, wie ihr die Freude Johannes Pauls II. wart.
©Zeitschrift HM Nr. 30 Juli/August 2007
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