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P. Colm Power erblickte das Licht der Welt 1965 inmitten einer zutiefst katholischen Familie Irlands. Er ist der fünfte von neun Brüdern. Mit etwa vierzehn Jahren änderte er sein Leben und entfernte sich immer mehr von Gott, bis er mit 31 Jahren eine starke Gotteserfahrung machte, die sein Leben von neuem völlig änderte. 1996 vernahm der den Ruf zum Priestertum. Sieben Monate später begann er bei den Dienern des Heims der Mutter seinen Weg im gottgeweihten Leben. Am 20. Dezember 2003 wurde er schließlich zum Priester geweiht und legte einige Monate später die ewigen Gelübde ab. Bald darauf wurde er mit einer Gemeinschaft in die Vereinigten Staaten gesandt, um auf der kurz zuvor gegründeten Universität Ave Maria seine apostolische Arbeit zu verrichten. Noch waren keine drei Jahre vergangen, als er an Leukämie erkrankte, durch die er nur knapp am Tod vorbeiging.

P. Colm, können Sie uns etwas über den Anfangsprozess dieser Krankheit erzählen?
Während den Monaten Mai und Juni, nach Beendigung des Schuljahres auf der Universität Ave Maria, war ich nach Spanien zurückgekehrt. Ich fühlte mich ziemlich schlecht. Mein ganzes Leben lang erfreute ich mich einer unheimlich starken Gesund-heit, doch während diesen Monaten wurde ich von einem dauerhaften Fieber geplagt, das ich nicht loswurde. Hinzu kam eine schreckliche Müdigkeit, die ich drei Dingen zuschrieb: Erstens, ich war vierzig Jahre alt, und war somit nicht mehr der Jüngste; zweitens, lebte ich von meinem vierzehnten bis zu meinem einunddreißigsten Lebensjahr wie ein Verrückter, weshalb ich nun den Preis dafür zahlte; drittens, aufgrund des Fiebers, das ich hatte. Später rügte mich eine Krankenschwester, nicht schon früher einen Arzt aufgesucht zu haben, denn sie behauptete, dass die Menschen bezüglich ihrer Gesundheit solange keinen Arzt aufsuchen, bis es keine Abhilfe mehr gibt.

Und war es in Ihrem Fall auch so?
Nein. Ehrlichen Herzens kann ich behaupten, dass es mir nicht im Geringsten eingefallen wäre, zu denken, dass ich schwer krank sei. Ich fühlte mich nicht allzu wohl, doch weiter nichts. Keinesfalls handelte es sich um einen bewussten oder unbewussten Selbstbetrug, ich war eben nicht in Höchst-form, weiter nichts. Nicht im Traum hätte ich vermutet, Leukämie zu haben.

Später kehrten Sie wieder in die USA zurück. Wie fanden Sie dort über die Krankheit heraus?
Wir hatten ein ziemlich forderndes Apostolatsprogramm. Innerhalb weniger Wochen fanden zwei Ferienlager und eine Pilgerreise an jeweils verschiedenen Plätzen statt. Ich begleitete diese Aktivitäten als Kaplan, weshalb ich auch etwas besorgt war, während dieser Wochen krank zu werden.
Während dem ersten Ferienlager hatte ich einige schwierige Augenblicke aufgrund von Atemschwierigkeiten, weshalb ich auch nicht persönlich an den sportlichen Aktivitäten teilnehmen konnte. Während dem zweiten Ferienlager war es von Tag zu Tag schlimmer. Ein Arzt erklärte mir später, dass ich mich nicht um die Krankheit sorgte, da der Entwicklungsprozess während drei oder vier Monaten stattfand. Hätte die Evolution aber während einer Woche stattgefunden, so hätte ich nicht daran gezweifelt einen Arzt oder das Spital aufzusuchen, da ich einen dramatischen Absturz verspürt hätte.

Und was war das Ausschlaggebende, um sich danach in Bewegung zu setzen?
Gegen Ende des zweiten Ferienlagers bemerkte ich beim Rasieren eine Seh-schwäche, ich hatte so etwas wie eine Wolke im Auge. Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich bereits schrecklich, hatte absolut keine Kräfte, war müde und voller Schmerzen. Doch das mit dem Augenlicht war sozu-sagen der Alarmruf. Ich erinnere mich noch wie ich zu mir sagte: „Mit der Sicht spielt man nicht.“ So entschloss ich mich einen Augenarzt aufzusuchen. Tagsüber sprach ich mit der Familie, auf deren Grundstücken das Ferienlager stattfand und fragte sie nach einem Arzt. Als sie ihn verständigten, vertröstete er uns auf Montag (es war ein Freitag), weshalb ich sagte: „So warten wir eben bis Montag.“ Nachdem ich wieder das Haus verlassen hatte, ich hatte noch keine drei Schritte getan, drehte ich plötzlich wieder um, ging ins Haus zurück und sagte: „Montag ist bereits zu spät, heute muss es sein, ich muss heute noch einen Augenarzt aufsuchen.“

Und warum diese Reaktion?
Bis heute verstehe ich nicht warum ich so reagierte, doch verspürte ich, dass die Sache nicht warten konnte. Ich hätte bis Montag warten können, aber ich spürte eben… ich weiß nicht, ich kann es mir einfach nicht erklären.

Machten Sie schließlich einen Augenarzt ausfindig?
Am Freitagnachmittag noch fuhren wir zu ihm. Er machte die verschiedenen Tests und hatte auch gleich die Ergebnisse. Er fragte mich: „Leidest du an Diabetes?“ Worauf ich antwortete: „Nein, nicht das ich wüsste.“ Er fuhr fort: „Das ist äußerst komisch. Du hast nämlich einen großen Bluterguss in linken Auge, … was ich noch nie bei Menschen unter siebzig Jahren gesehen habe, der nicht Zuckerkrank war, und du bist gerade erst vierzig Jahre alt.“
Er fügte hinzu: „Am Montag suchst du einen ausgezeichneten Arzt auf, er ist mein Freund, der dich danach vollständig untersuchen wird, vor allem, was die Möglichkeit von Zuckerkrankheit betrifft.“ Und so nebenbei, als wäre es von nicht allzu großer Wichtigkeit erwähnte er: „Sieh noch im Spital vorbei, damit sie dir einen Bluttest machen.“ So tat ich auch. Am nächsten Tag, so etwa gegen 10:00 Uhr Vormittags erhielt ich vom Augenarzt einen Telefonanruf. Er sagte: „Lass alles liegen und stehen und komm augenblicklich und schleunigst ins Spital zur Notaufnahme. Wir haben gerade die Ergebnisse des Bluttest bekommen, die völlig Kopf stehen.“

Und wie reagierten Sie?
Für mich war es ein erster Schreck, denn spricht ein Arzt auf diese Weise, so macht er keinen Spaß. Und senden sie dich dann auch noch auf die Notaufnahme, da es mit dem Blut schlecht aussieht, so handelt es sich nicht gerade um Krippe. So fuhr ich augenblicklich ins Spital, wo ich etwas warten musste, bis sie sich bewusst wurden, wer ich war. Nun wurde ich schleunigst und mit viel Hilfsbereitschaft auf ein Zimmer gebracht. Ich merkte, dass es sich um eine ernste Sache handelte. Augenblicklich kam eine Ärztin mit zwei Medizinstudenten und fragte mich: „Was hast du?“ Ich antwortete: „Ich weiß nicht, ist das nicht ihre Arbeit?“, worauf ich lachte. Sie sagte: „Das heißt, du sollst mir die Symptome beschreiben.“ Ich erklärte ihr von meiner Müdigkeit, vom Fieber, von gewissen Schmerzen, die ich hatte, vom Juckreiz in den Füßen und von einigen rosafarbenen Wulsten, die ich als Mückenstiche zu erkennen glaubte, da wir in Zelten schliefen, bei denen es sich aber ebenso um Symptome von Leukämie handelte, wie sich später herausstellte.

Wie wurden Sie von der Krankheit informiert?
Sie fragte mich, ob ich Wunden oder Schnittwunden gehabt habe und wie mein Körper auf diese reagierte. Ich verneinte und erklärte ihr, dass ich während dem Ferienlager einige Tage zuvor nach der Feier der Heiligen Messe wieder einmal Atemschwierigkeiten bemerkte und selbst kleine Anhöhen kaum bezwingen konnte. Demzufolge legte ich mich kurz nieder, wobei ich den Kopf auf den Armen abstützte und meine Nase zu bluten begann. Als ich es bemerkte – ich war halb schlaftrunken – drehte ich mich auf den Rücken, um den Blutfluss zu stoppen. Nachdem ich der Ärztin dies erzählt hatte, schlug sie mit den Händen zusammen und sagte: „Da hast du großes Glück gehabt, denn wärst du eingeschlafen, so wärst du höchstwahrscheinlich verblutet.“ Meine Blutplättchen waren auf 6.000 oder 7.000 herabgesunken, wobei man, glaube ich, normalerweise zwischen 150.000 bis 400.000 hat. In diesem Augenblick sagte sie mir: „Es scheint als hättest du Leukämie.“ Dies war die erste Diagnose, die ich erhielt.

Verstanden Sie welche Folgen das hatte, was Sie gerade hörten?
Obwohl ich von Medizin absolut nichts verstand wusste ich, dass Leukämie ein „wichtiges“ Wort war, das auf eine schwere Krankheit hindeutete, an der man sterben Ruhe ich all das aufnahm. Meine Reaktion schien mir äußerst komisch zu sein und ich nahm an, dass es auch ihm so ging. Man konnte sehen, wie es auch ihm eigenartig vorkam, doch da er ein gläubiger Mensch war sagte ich zu ihm: „Es gibt absolut nichts, dass ich tun könnte. Ich befinde mich vollkommen in den Händen Gottes.“ Und er war damit einverstanden.

Haben Sie auch einmal die Geduld verloren?
Ich hatte so meine Höhen und Tiefen, Augenblicke, während denen ich nicht gerade glücklich war, doch stets hatte ich Frieden. Niemals verlor ich den tiefen inneren Frieden. Auch mein Vertrauen auf Gott nicht, was keinesfalls etwas Passives war, sondern ein sich dem Willen Gottes fügen. Ich wusste, dass Gott mich hütete, wie ich auch jetzt davon überzeugt bin und wie ich es von dem Augenblick an wusste, als ich mich von Ihm finden ließ. Er kann alles, Er weiß alles und Er liebt mich. Er ist mein Vater. Es handelte sich dabei keinesfalls um eine rein intellektuelle Haltung, sondern um eine Haltung, die ich in meiner Ganzheit lebte.

In einem ersten Augenblick entdeckte man nicht sofort die Art von Leukämie, die Sie hatten. Wie fand man es später heraus?
Ich befand mich ein Monat lang im Spital von Scranton, Pennsylvania. Dort erhielt ich die erste Chemotherapie. Später wurde ich in die Mayo-Klinik von Jacksonville, Florida überführt, wo meine Behandlung fortgesetzt werden sollte. Da sie nicht allzu weit von der Universität Ave Maria entfernt ist, wo ich arbeite, dachte ich während den verschiedenen Chemotherapien meine Arbeit fortsetzen zu können, wenn auch etwas reduziert. Dort aber änderte sich die Diagnose. Als ich das erste Spital verließ, dachte man, dass meine Art von Leukämie eine der gutartigsten war und meine Überlebenschance somit bei etwa 75-80% lag. In der Mayo-Klinik aber machte man weitere Proben und erkannte eine Verdoppelung, eine Anomalie der Chromosomen, die entweder sehr gut oder äußerst schlecht war. So durchforschte der Arzt während einem ganzen Wochenende die Archive und entdeckte, dass es sich um eine äußerst seltene Art von Leukämie handelte, von der während der ganzen Medizingeschichte nur acht Fälle bekannt waren, und alle acht Personen waren verstorben. Keiner der acht hatte auf die erste Chemotherapie positiv reagiert. Das heißt sie waren innerhalb kürzester Zeit verstorben, und das war es gerade, woran ich litt. Es handelte sich um eine sehr aggressive und bösartige Leukämie.
Nun schrumpfte meine Überlebenschance auf 40% herab, wobei ich mehrere Chemotherapien und eine Knochenmarktransplantation in Kauf nehmen müsste, was eine vollständige, aber auch die aggressivste Behandlung ist, die es gibt. Das bedeutete auch, einen Knochenmarkspender zu finden.

Wie reagierten Sie auf diese Nachricht?
Ich sah klar und deutlich wie das Leben Leben und der Tod Tod erzeugt. Die Kultur des Todes erzeugt Tod. Als meine Eltern heirateten war mein Vater zweiunddreißig und meine Mutter einunddreißig Jahre alt. Zehn Jahre später hatten sie neun Burschen, keine Zwillinge und kein Mädchen. Dies war ein sehr wichtiger Faktor zu diesem Zeitpunkt, da er die Überlebenschancen stark steigerte, gab es ja mehr Möglichkeiten, einen Spender zu finden. Die Ärzte und die Krankenschwestern hatten mich mehrere Male darauf hingewiesen, dass dies der wichtigste und entscheidendste Faktor des ganzen Prozesses sei: einen Bruder zu haben, der vollständig kompatibel war. Ich danke Gott aus ganzem Herzen, ich danke der Großzügigkeit und der Offenheit für das Leben meiner Eltern und ich danke meinen Brüdern.

Wie fühlten Sie sich, nachdem sie den kritischsten Augenblick überwunden hatten und wieder nach Hause konnten?
Zu mehreren Zeitpunkten der Krankheit musste ich mich psychologisch und geistlich fassen, in Stille und Einsamkeit zurückziehen, um alles in mich aufzunehmen und mich „anzupassen“. Ich weiß, dass diese Haltung die Menschen um mich, die mir helfen wollten, große Leiden verursachte. Sie mussten den Schmerz der seligen Jungfrau teilen, da sie mir nur mit ihren Gebeten und ihrer Zuneigung helfen konnten, was mich selbstverständlich auf den Beinen hielt. Eine wahre Welle an Gebeten und Liebe war es, die oftmals beinahe greifbar war.

Könnte man sagen, dass Sie ebenso in Depression fielen?
Selbstverständlich verstehe ich diese Frage, denn man könnte auch diese Erfahrung bekommen, doch sehe ich es keinesfalls so, denn niemals fühlte ich mich traurig. Mit schlechtem Humor sehr oft, doch niemals Gott gegenüber. Ungeduldig, gereizt, nervös in Gegenwart von Menschen, ja. Ich weiß nicht, ob aufgrund der Krankheit oder meines schlechten Charakters, doch fühlte ich das Bedürfnis alleine zu sein. Mich mit Menschen zu verständigen fiel mir sehr schwer. Stets bat ich die Menschen um Gebet, Gebet und nochmals Gebet; ich selbst betete, betete und betete, wobei ich alles der Obhut Gottes empfahl.

Wie hat Ihnen all diese Leidenserfahrung geholfen?
Ich erkenne, wie mich diese Erfahrung zähmte, etwas mehr sänftigte. Jetzt habe ich eine gesunde Angst, all das wieder zu verlieren. Der Preis mag hoch erscheinen, doch wenn die Belohnung die Einheit mit Jesus Christus und die Identifizierung mit Ihm ist, so gibt es keinen zu hohen Preis. Das Leiden hat mich als Mensch und als Priester unglaublich bereichert und ich hoffe aus ganzem Herzen diese Bereicherung niemals zu verlieren. Ich danke Gott für den Glauben, denn durch den Glauben hat alles seinen Sinn bekommen.

Keinesfalls möchte ich abschließen, ohne meinen Oberen, P. Felix, mein herzliches Dankschön auszudrücken, der seine Doktorarbeit während einiger Zeit links liegen ließ, in die USA flog und von Anfang an bis zum Ende während diesem Kreuzweg zwischen Schläuchen und Nadeln an meiner Seite war. Seine Großzügigkeit, seine Freundschaft und seine Nähe füllen mich mit Stolz, Diener des Heims der Mutter zu sein.

©Revista HM º35 Mai/Juni 2008


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