Apostolische Reise
des Heiligen Vaters in die Vereinigten Staaten von Amerika
Fasst Mut! Richtet euren
Blick fest auf unsere Heiligen.
Begegnung mit Jugendlichen und Seminaristen
Junge Freunde,
[…] Heute Abend möchte ich mit euch einige Gedanken über
das teilen, was es bedeutet, Jünger Christi zu sein – wenn
wir den Spuren des Herrn folgen, wird unser Leben zu einer
Reise der Hoffnung.
Ihr habt vor euch die Bilder von sechs Männern und
Frauen, die zu einem außergewöhnlichen Leben herangewachsen
sind. […] Die hl. Elizabeth Anna Seton, die hl. Franziska
Xaveria Cabrini, der hl. Johannes Neumann, die sel. Kateri
Tekakwitha, die Diener Gottes Pierre Toussaint und Felix
Varela: jeder von uns könnte zu ihnen gehören,
denn für diese Gruppe gibt es kein Stereotyp, kein uniformes
Raster. […] Diese sechs Menschen haben […]
zahllosen Menschen, möglicherweise sogar euren eigenen
Vorfahren, den Weg des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe
aufgezeigt.
Und heute? Wer trägt heute das Zeugnis der
Frohen Botschaft Jesu in die Straßen New Yorks, in
die unruhigen Viertel am Rand der großen Stadt, an
die Orte, an denen Jugendliche sich auf der Suche nach
jemandem zusammenfinden, dem sie vertrauen können? Gott
ist unser Ursprung und unser Ziel, und Jesus ist der Weg.
Die Strecke dieses Weges windet sich – genau wie
bei den Heiligen – durch die Freuden und Prüfungen
des gewöhnlichen, alltäglichen Lebens: innerhalb
eurer Familien, in der Schule oder im College, während
eurer Freizeitaktivitäten und in euren Pfarrgemeinden.
All diese Orte sind durch die Kultur geprägt, in der
ihr aufwachst. Als junge Amerikaner werden euch viele Möglichkeiten
für eure persönliche Entwicklung geboten, und
ihr wurdet mit einem Gespür für Großherzigkeit,
Hilfsbereitschaft und »Fairness« erzogen. Aber
ich brauche euch nicht zu sagen, dass es auch Probleme
gibt: Handlungen und Denkweisen, welche die Hoffnung ersticken,
sowie Wege, die zu Glück und Erfüllung zu führen
scheinen, in Wirklichkeit jedoch nur in Verwirrung und
Angst enden.
Meine Jahre als »Teenager« sind
von einem unheilvollen Regime zerstört worden, das
dachte, alle Antworten zu besitzen; sein Einfluss wuchs – er
drang in die Schulen und in die zivilen Einrichtungen wie
auch in die Politik und sogar in die Religion ein –, bevor
man richtig erkannt hatte, um welches Ungeheuer es sich
handelte. Es ächtete Gott und war auf diese Weise
gegenüber allem Guten und Wahren verschlossen. […]
Vor erst wenigen Wochen haben wir während der wunderschönen
Liturgie der Osternacht Gott nicht aus Verzweiflung oder
Angst um unsere Welt angerufen, sondern in hoffnungsvollem
Vertrauen: Vertreib das Dunkel aus unserem
Herzen! Vertreib das Dunkel aus unserem Geist! (vgl.
Gebet beim Entzünden der Osterkerze).
Was können diese Dunkelheiten sein? Was
geschieht, wenn Menschen, vor allem die Schutzlosesten,
auf die geballte Faust der Unterdrückung und der
Manipulation stoßen, statt auf die ausgestreckte
Hand der Hoffnung? Die ersten Beispiele
gehören in den Bereich des Herzens. Die
Träume und Sehnsüchte junger Menschen können
hier so leicht zerschlagen und zerstört werden.
Ich denke an diejenigen, die vom Drogenmissbrauch betroffen
sind, von Obdachlosigkeit und Armut, von Rassismus, Gewalt
und Erniedrigung – vor allem Mädchen und Frauen.
Die Gründe für diese Probleme sind vielschichtig,
doch ihnen allen ist eine vergiftete geistige
Einstellung gemeinsam, die dazu führt, dass Menschen
als reine Objekte behandelt werden – es setzt sich
eine Herzenskälte durch, welche die gottgegebene
Würde jedes Menschen zunächst nicht beachtet
und schließlich verhöhnt. […]
Ich ermutige euch dazu, andere, vor allem die Verletzlichen
und die Arglosen, dazu einzuladen, sich euch auf dem
Weg der Güte und der Hoffnung anzuschließen.
Der zweite Bereich der Finsternis – jene,
die den Verstand betrifft – wird häufig
nicht bemerkt und ist aus diesem Grund besonders verhängnisvoll. Die
Manipulation der Wahrheit verfälscht unsere Wahrnehmung
der Wirklichkeit und trübt unsere Vorstellungskraft
und unsere Bestrebungen. […] Die
grundlegende Bedeutung der Freiheit muss mit Entschiedenheit
bewahrt werden. […] Doch die Freiheit ist
ein delikater Wert. Sie kann falsch verstanden oder schlecht
gebraucht werden und auf diese Weise nicht zu dem Glück
führen, das wir alle von ihr erwarten, sondern auf
einen dunklen Schauplatz der Manipulation, auf dem das
Verständnis, das wir von uns selbst und von der Welt
haben, durch diejenigen, die einen verborgenen Plan verfolgen,
verwirrt oder sogar entstellt wird. Habt ihr
bemerkt, wie oft Freiheit eingefordert wird, ohne dass
dabei jemals auf die Wahrheit der menschlichen Person Bezug
genommen wird? Einige behaupten heutzutage,
dass die Achtung der Freiheit des Individuums die Suche
nach der Wahrheit – selbst der Wahrheit des Guten – ungerecht
werden lässt. In einigen Kreisen wird es sogar als
Quelle von Streitigkeiten und Zerwürfnissen angesehen,
von der Wahrheit zu sprechen, was folglich am besten der
Privatsphäre vorzubehalten ist. Und an der
Stelle der Wahrheit – oder besser gesagt
an der Stelle ihres Fehlens – hat sich eine
Vorstellung ausgebreitet, die unterschiedslos allem einen
Wert beimisst und behauptet, auf diese Weise die Freiheit
zu sichern und das Bewusstsein zu befreien. Das ist es,
was wir als Relativismus bezeichnen. Doch welches
Ziel hat eine »Freiheit«, die unter Missachtung
der Wahrheit das verfolgt, was falsch und unrichtig ist?
Wie vielen jungen Menschen ist eine Hand gereicht worden,
die sie im Namen der Freiheit oder der Erfahrung zu Drogenabhängigkeit,
zu moralischer oder intellektueller Verwirrung, zur Gewalt,
zum Verlust der Selbstachtung, ja zur Verzweiflung und
auf tragische Weise gar zum Selbstmord geführt hat? Liebe
Freunde, die Wahrheit ist kein auferlegter Zwang. Noch
ist sie einfach eine Ansammlung von Regeln. Sie ist die
Entdeckung des Einen, der uns niemals verrät; des
Einen, dem wir immer vertrauen können. Wenn wir die
Wahrheit suchen, gelangen wir zum Leben aus dem Glauben,
denn die Wahrheit ist letztlich eine Person: Jesus Christus. […]
Wie können wir also als Gläubige
anderen helfen, dem Weg der Freiheit zu folgen, der zu
voller Erfüllung und dauerhaftem Glück führt? Wir
wollen uns erneut den Heiligen zuwenden. Wie hat ihr
Zeugnis andere Menschen wahrhaft von den Dunkelheiten des
Herzens und des Geistes befreit? Die Antwort
ist im Wesen ihres Glaubens – unseres Glaubens – zu
finden. […] Manchmal aber sind wir versucht, uns
in uns selber zu verschließen, an der Kraft des Glanzes
Christi zu zweifeln und den Horizont der Hoffnung einzuengen.
Fasst Mut! Richtet euren Blick fest auf unsere Heiligen.
[…] Lasst zu, dass sich eure Phantasie frei in die
grenzenlose Weite der Horizonte der christlichen Jüngerschaft
erhebt. Manchmal werden wir als Menschen angesehen,
die nur von Verboten sprechen. Nichts könnte der Wahrheit
ferner stehen! Echte christliche Jüngerschaft
zeichnet sich durch einen Sinn für das Staunen aus. […]
Liebe Freunde, das Vorbild der Heiligen fordert uns sodann
auf, vier wesentliche Aspekte des Schatzes unseres
Glaubens zu betrachten: persönliches und stilles Gebet,
liturgisches Gebet, tätige Nächstenliebe und Berufungen.
Das Wichtigste ist, dass ihr eine persönliche Beziehung
zu Gott entwickelt. Diese Beziehung drückt sich
im Gebet aus. Es liegt in Gottes eigenstem Wesen, dass er
spricht, hört und antwortet. […] Wie
die Heiligen uns auf so lebendige Weise lehren, wird das
Gebet so zu praktizierter Hoffnung. […]
Es gibt einen weiteren Aspekt des Gebets, den wir uns in
Erinnerung rufen müssen: die Betrachtung in
der Stille. […] Haben wir vielleicht
etwas von der Kunst des Hörens verlernt? Lasst ihr noch
etwas Raum, um auf die Stimme Gottes zu hören, die euch
aufruft, zur Güte zu gelangen? Freunde,
fürchtet euch nicht vor der Stille oder der Ruhe, hört
auf Gott, betet Ihn in der Eucharistie an. Lasst
zu, dass sein Wort euren Weg als ein Fortschreiten in der
Heiligkeit formt.
In der Liturgie finden wir die ganze Kirche im Gebet. […]
Durch die Liturgie wird das »Werk Jesu« ständig
in Berührung mit der Geschichte gebracht; mit unserem
Leben, das geformt werden soll. Hier bekommen wir eine weitere
Vorstellung von der Größe unseres christlichen
Glaubens. Immer wenn ihr euch zur heiligen Messe versammelt,
wenn ihr zur Beichte geht, immer wenn ihr eines der Sakramente
feiert, ist Jesus am Wirken. […]
[…] Die Gelegenheiten, diesem Weg zu folgen, sind
reichlich vorhanden. Blickt um euch mit den Augen Christi,
hört mit seinen Ohren, fühlt und denkt mit seinem
Herzen und mit seinem Geist. Seid ihr bereit,
alles für die Wahrheit und die Gerechtigkeit zu geben,
wie Er es tat? […] Wir müssen mit
einem erneuerten sozialen Handeln antworten, das der universalen
Liebe entspringt, die keine Grenzen kennt. […]
Liebe Jugendliche, zum Abschluss möchte ich
noch ein Wort zu den Berufungen sagen. Zunächst
denke ich an eure Eltern, Großeltern und Paten. Sie
sind eure ersten Erzieher im Glauben gewesen. Indem sie
euch zur Taufe gebracht haben, haben sie euch die Möglichkeit
gegeben, das größte Geschenk eures Lebens zu
empfangen. […] Ehren wir die Berufung zur Ehe und
die Würde des Familienlebens. Wir wollen stets anerkennen,
dass die Familien der Ort sind, an dem Berufungen entstehen.
Hier im »Saint Joseph Seminary« grüße
ich die anwesenden Seminaristen, und in der Tat ermutige
ich alle Seminaristen in ganz Amerika. Ich freue mich wirklich
zu erfahren, dass eure Anzahl steig! Das Volk Gottes
erwartet sich von euch, dass ihr heilige Priester werdet,
auf einem täglichen Weg der Umkehr, und so
in den anderen den Wunsch hervorruft, tiefer in das kirchliche
Leben als Gläubige einzutreten. Ich ermahne
euch, eure Freundschaft mit Jesus, dem Guten Hirten, zu vertiefen.
Sprecht mit ihm von Herz zu Herz. Weist jede Versuchung
der Zurschaustellung, des Karrieredenkens oder des Dünkels
zurück. Strebt einen Lebensstil an, der wahrhaft von
Liebe, Keuschheit und Demut geprägt ist, in der Nachahmung
Christi, des Ewigen Hohenpriesters, dessen lebendiges Abbild
ihr werden müsst (vgl. Pastores dabo vobis,
33). […]
Schwestern, Brüder und Priester der Ordensgemeinschaften
leisten einen großen Beitrag zur Sendung der Kirche. Ihr
prophetisches Zeugnis ist von der tiefen Überzeugung
des Primats geprägt, mit dem das Evangelium das christliche
Leben formt und die Gesellschaft verwandelt. […]
Ich bin sicher, dass einige von euch jungen Menschen durch
die Entdeckung der Charismen, die eine solche Fülle
an geistlicher Weisheit hervorbringen, von einem Leben
des apostolischen oder kontemplativen Dienstes angezogen
werden. Scheut euch nicht, mit Brüdern, Schwestern
oder Priestern der Ordensgemeinschaften über das Charisma
und die Spiritualität ihrer Kongregation zu sprechen.
[…] Habt Mut! Auch ihr könnt euer Leben zu
einem Geschenk euer selbst für die Liebe zu Jesus,
dem Herrn, und in Ihm zu jedem Mitglied der Menschheitsfamilie
machen. (vgl. Vita consecrata, 3).
Freunde, ich frage euch nochmals, was sollen wir
jetzt sagen? Was sucht ihr? Was will Gott von euch? Jesus
Christus ist die Hoffnung, die niemals enttäuscht. Die
Heiligen zeigen uns die selbstlose Liebe seines Weges.
[…] Innerhalb der Kirche werdet auch ihr den Mut
und die Unterstützung finden, um auf dem Weg des Herrn
zu gehen. Gespeist durch das persönliche Gebet, vorbereitet
in der Stille, geformt durch die Liturgie der Kirche werdet
ihr die besondere Berufung entdecken, die Gott für
euch vorgesehen hat. Nehmt sie freudig an! Heute seid ihr
die Jünger Christi. Lasst sein Licht über dieser
großen Stadt und darüber hinaus leuchten. Zeigt
der Welt den Grund für die Hoffnung, die in euch ist.
Sprecht mit den anderen von der Wahrheit, die euch frei
macht.
©Revista HM º35 Mai/Juni 2008 |