Heim der Mutter*

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Home Zeitschrift HM Bisherige Ausgaben Nr. 30 - Juli/August 2007 Zeitschrift HM - Mamies Heimaterinnerungen
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Mamies Heimaterinnerungen

Am Festtag Unserer Lieben Frau von Fatima, dem 13. Mai dieses Jahr, musste ich von unserem Haus, umgeben von Eukalyptuswäldern, nach Santander fahren. Der Grund dafür war ziemlich schmerzhaft. Ich musste dem Begräbnis von Carmina Gonzalez*, enge Freundin Mamies, Mitglied des Heims der Mutter und Gattin von Luis Lopez*, beiwohnen. Perplex betrachtete ich einen halb abgebauten Berg für den Bau von Wohnsiedlungen, und die Angriffe, die auf eine Landschaft gemacht wurde, die nie mehr dieselbe sein wird. Es handelte sich um keine Narben mehr, sondern um wahre Vernichtung durch einen beschleunigten Prozess an wildem Städtebau.

Einige meiner Leser haben sicher bereits ähnlichen Eindruck gehabt: Unsere Straße ist nicht mehr dieselbe. Sie wurde ziemlich umgestaltet wodurch ebenso ihr Zauber verschwand, von dem wir bei jedem Spaziergang überwunden waren. Dieses Gefühl ist genauso seltsam, als das Gefühl, das man hat, wird unser Geburtshaus für den Bau einiger Hochhäuser niedergerissen. Die Städtebauer und Immobilienmakler verstehen jedoch nichts von Gefühlen. Sie sind unmenschlich. Und stets finden sie einen „Einwand“, um den Bau einer Anlage durchzuführen. Das Gebot, die neue Stadt zerstört die alte, ist unerbittlich. Und nicht alle, die an der Spitze der Verwaltung stehen, besitzen ein Gefühl für die Schönheit. Das Geld ist „das Exkrement des Teufels“ (Giovanni Papini), es beschmutzt alles.

Und es war in diesem Augenblick, als ich Mamies Worte verstand, die meinem Verständnis stets ver-schlossen geblieben waren. Mamie erklärte mir, dass sie absolut keinen Wunsch verspürte nach Belgien, geschweige den nach Brüssel oder ihrer Mietwohnung in der Avenue Tervuren, eine der schönsten und geräumigsten Straßen der derzeitigen Hauptstadt der Europäischen Union, zurückzukehren. Noch mehr, sie fürchtete, dass der Augenblick kommen würde, an dem sie zurück müsste.

Und der Augenblick kam: Ihre Schwester Jeannot, Tochter der Nächstenliebe, die in der Gemeinschaft den Namen Maria Elena trug, kehrte kurz nach Beendigung des Krieges aus Vietnam zurück, wo sie viele Jahre lang als Missionarin unter den „Montagnards“ (Bergvölker Vietnams, Kambodschas und Laos) gearbeitet hatte. Mamie betete ununterbrochen für ihre Schwester, befand sich diese doch monatelang in Gefangenschaft der „Vietcong“ (kommunistische Guerillakämpfer Vietnams). Wir holten sie von Paris ab, um sie nach Brüssel zu bringen.

So nützte ich diese Tage, in Brüssel Mamies Wohnviertel und andere interessante Plätze aufzu-suchen, wie das Schaerbeckviertel, wo sie zur Welt kam, die Kirche, in der sie getauft wurde, den Park „Saint Josaphat“, wo sie mit ihrer Schwester spielte, den Bahnhof, bei dem sie Mariechen kennen lernte, die Kirche „Saint Suzanne“, in der sie mit Francios Treutten heiratete, den Brunnen von „Sainte Reinalde“, wo sie von ihrer Blindheit geheilt wurde,… und schließlich ihr Haus in der Avenue Tervuren.

Gemäß den Besuchen dieser Orte voller ange-nehmer und zugleich schmerzhafter Erinnerungen bemerkte ich wie sehr Mamie innerlich litt. Als wir in Avenue Tervuren angelangten, in der sie mit Francois gewohnt hatte, erzählte sie mir von damals. „Aber“, sagte sie mit gewisser Traurigkeit, „es ist jetzt schon nicht mehr dieselbe Avenue. Die Nuntiatur befand sich beinahe gegenüber unserem Haus. Und dort kannten sie mich, war doch meine Schwester eine Tochter der Nächstenliebe, weshalb sie sehr oft in der Nuntiatur vorbeischaute. Die Straße war ziemlich breit, doch gab es kaum Verkehr. In der Mitte befand sich eine sehr breite Promenade mit großen, schlanken Bäumen und Blumen-beeten, wo man in aller Ruhe spazieren gehen konnte. Es ist nicht mehr dasselbe. Sie haben alles geändert.“

Als wir wieder von unserer Reise zurückkehrten, fasste Mamie den Entschluss, nie wieder zurückzukehren. Für sie mussten die Erinnerungen wie ein Reichtum der Seele unversehrt im Gedächtnis bleiben. Sind sie schön, so sind sie wie die Sonne der Seele.

Keinesfalls handelte es sich um eine entmutigende Romantik, sondern um den Reichtum der Seele. Sehe ich jetzt die Umgebung, in der ich gelebt habe, vor meinen Augen verschwinden, so verstehe ich diese Gefühle und werde mir über ihren Wert bewusst.

*Carmina Gonzalez und Luis Lopez lernten Mamie in Santander kennen, nachdem sie nach Spanien gezogen war. Ab diesem Augenblick nahmen sie durch ihre bedingungslose Hilfe an der kleinen Geschichte des Heims der Mutter teil.

Von P. Rafael Alonso

©Zeitschrift HM Nr. 30 Juli/August 2007