Heim der Mutter*

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Home Zeitschrift HM Bisherige Ausgaben Nr. 27 - Januar/Februar 2007 Zeitschrift HM - Benedikt XVI - "Gott Scheitrt nicht"
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benediktBenedikt XVI - "Gott Scheitrt nicht"

Die Texte, die wir eben gehört haben, haben ein gemeinsames Thema, das man zusammenfassen könnte in dem Satz: Gott scheitert nicht. Oder genauer gesagt: Gott scheitert zunächst immer, Er lässt die Freiheit des Menschen stehen, und die sagt immer wieder „nein“. Aber Gottes Phantasie, die schöpferische Kraft seiner Liebe, ist größer als das menschliche Nein. Durch jedes menschliche Nein wird eine neue Dimension seiner Liebe entbunden und findet Er einen neuen, größeren Weg, sein Ja zum Menschen, zu seiner Geschichte und zur Schöpfung zu verwirklichen.

In dem großen Christushymnus des Philipperbriefes, mit dem wir begonnen haben, hören wir zunächst eine Anspielung auf die Geschichte von Adam, der mit der Freundschaft Gottes nicht zufrieden war; es war ihm zu wenig, er wollte selbst ein Gott sein. Er sah Freundschaft als Abhängigkeit an und hielt sich für einen Gott, wenn er nur in sich selber stand. Darum sagte er „nein“, um selber ein Gott zu werden, und stürzte sich gerade so aus seiner Höhe hinab. Gott „scheitert“ an Adam – und so scheinbar für die ganze Geschichte. Aber Gott scheitert nicht, denn nun wird Er selbst ein Mensch und beginnt das Menschsein neu; pflanzt das Gottsein ins Menschsein unwiderruflich ein und steigt hinunter bis in die letzten Abgründe und Tiefen des Menschseins; erniedrigt sich bis ans Kreuz. Den Stolz überwindet Er durch die Demut und den Gehorsam des Kreuzes.

Und so geschieht nun, was Jesaja 45 prophezeit hatte. In der Zeit, da Israel im Exil und von der Landkarte verschwunden war, sagte der Prophet voraus, dass die ganze Welt – „jedes Knie“ – sich vor diesem ohnmächtigen Gott beugen werde. Und der Philipperbrief bestätigt uns: Jetzt ist es geschehen. Durch das Kreuz Christi ist Gott zu den Völkern gekommen, aus Israel hinausgegangen, der Gott der Welt geworden. Und nun beugt der Kosmos die Knie vor Jesus Christus, was auch wir heute in wunderbarer Weise erleben dürfen: In allen Kontinenten, bis in die einfachsten Hütten hinein, ist der Gekreuzigte gegenwärtig. Der Gott, der „gescheitert“ war, bringt nun durch seine Liebe den Menschen wirklich dazu, die Knie zu beugen, und über= windet so die Welt mit seiner Liebe.

Jesus identifiziert sich mit dem leidenden Israel, mit den leidenden, gottverlassenen Gerechten aller Zeiten, und Er trägt den Schrei der Gottverlassenheit, das Leiden des Vergessenseins hinauf ans Herz Gottes selbst und wandelt so die Welt um. Die 2. Hälfte des Psalms, die wir gebetet haben, sagt uns, was daraus hervorgeht: Die Armen essen und werden gesättigt. Es ist die weltweite Eucharistie, die aus dem Kreuz hervorgeht. Nun sättigt Gott weltweit die Menschen, die Armen, die seiner bedürfen. Er gibt ihnen die Sättigung, die sie brauchen: Gott selbst, sich selbst. Und dann sagt der Psalm: „Alle Enden der Erde werden umkehren zum Herrn.“

Und schließlich die Botschaft des Evangeliums. Wiederum das Scheitern Gottes. Die Erstgeladenen sagen ab, sie kommen nicht. Der Saal Gottes bleibt leer, sein Mahl scheint umsonst zubereitet… Die amtlichen, die bestim= menden Kreise Israels sagen „nein“ zu der Einladung Gottes, die er selber ist. Sie kommen nicht. Und doch auch hier: Gott scheitert nicht. Der leere Saal wird zur Möglichkeit, mehr Menschen zu rufen. Gottes Liebe, Gottes Einladung weitet sich aus – Lukas erzählt sie uns in zwei Wellen: Zuerst ergeht sie an die Armen, die Verlassenen, die von niemandem Eingeladenen in der Stadt selber… Und dann kommt die zweite Welle. Sie geht vor die Stadt hinaus auf die Straßen; die Unbehausten werden geladen. Wir dürfen wohl annehmen, dass Lukas diese zwei Wellen in dem Sinn verstanden hat, dass es zuerst die Armen von Israel sind, die in den Saal kommen und, da sie nicht ausreichen, weil Gottes Raum größer ist, die Einladung aus der Heiligen Stadt hinausgeht in die Völkerwelt.

Diejenigen, die gar nicht zu Gott gehören, die draußen stehen, werden nun eingeladen, um den Saal zu füllen. Und Lukas,… sah sicher darin die bildhaft vorweggenommene Darstellung der Ereignisse, die er dann in der Apostelgeschichte erzählt, wo sich genau dies zuträgt: Paulus beginnt seine Mission immer in der Synagoge, bei den Erstgeladenen, und erst, wenn da die Maßgebenden abgesagt haben und nur eine kleine Schar von Armen geblieben ist, geht er hinaus zu den Heiden. So wird das Evangelium durch diesen immer neuen Kreuzigungsvorgang hindurch universal… Paulus ruft in Rom die Vorsteher der Synagoge zu sich, verkündet ihnen das Geheimnis Jesu Christi, das Reich Gottes in dessen Person. Aber die maßgebenden Teile sagen ab, und er verabschiedet sie mit den Worten: „Nun, da ihr nicht hört, wird diese Botschaft den Heiden verkündet, und sie werden hören.“ Mit dieser großen Zuversicht endet die Botschaft vom Scheitern: Sie werden hören…
benedikt So sollten wir uns fragen: Was bedeutet dies alles für uns? Zuerst einmal die Gewissheit: Gott scheitert nicht. Er „scheitert“ ständig, aber gerade darum scheitert Er nicht, denn Er macht daraus neue Möglichkeiten größeren Erbarmens, und seine Phantasie ist unerschöpflich. Er scheitert nicht, weil Er immer neue Weisen findet, zu den Menschen zu gehen und sein großes Haus weiter zu öffnen, dass es ganz voll werde. Er scheitert nicht, weil Er nicht davor zurückschreckt, die Menschen  zu drängen, dass sie kommen und sich an seinen Tisch setzen sollen, das Mahl der Armen einzunehmen, in dem die köstliche Gabe, Gott selbst, geschenkt wird. Gott scheitert nicht, auch heute nicht. Selbst, wenn wir so viel Nein erleben, dürfen wir es wissen. Aus dieser ganzen Gottesgeschichte, von Adam an, können wir erkennen: Er scheitert nicht. Auch heute wird Er neue Wege finden, Menschen zu rufen und möchte uns als seine Boten und Diener dabei haben. Gerade in unserer Zeit kennen wir das Nein-Sagen der Erstgeladenen sehr gut. In der Tat, die westliche Christenheit, die neuen „Erstgeladenen“, sagen nun weithin ab, sie haben keine Zeit zum Herrn zu kommen. Wir kennen die leerer werdenden Kirchen, die leerer werdenden Seminare, die leerer wer= denden Ordenhäuser; wir kennen alle die Formen, in denen dieses „Nein, ich habe etwas Wichtiges zu tun“ sich darstellt. Und es erschreckt und erschüttert uns, Zeugen dieser Absage der Erstgeladenen zu sein, die eigentlich doch das Große wissen und dorthin drängen müssten. Was sollen wir tun? Zunächst die Frage: Warum ist es eigentlich so? Der Herr nennt in seinem Gleichnis zwei Gründe: Besitz und menschliche Beziehungen, die die Menschen so in Anspruch nehmen, dass sie eben glauben, nichts anderes mehr zu brauchen, dass ihre Zeit und damit ihre innere Existenz damit ganz aus= gefüllt wird.

Der hl. Gregor der Große hat
in seiner Auslegung dieses Textes noch etwas tiefer einzudringen versucht und gefragt: „Ja, aber wie ist das möglich, dass der Mensch zu dem Größten ‚nein’ sagt, für das Wichtigste keine Zeit hat, seine Existenz in sich verschließt?“ Und er antwortet: Sie haben eben nie die Erfahrung Gottes gemacht, sind nie auf den Geschmack Gottes gekommen; sie haben nie gespürt, wie köstlich es ist, von Gott angerührt zu werden! Diese „Berührung“ – und damit der „Geschmack an Gott“ – fehlt ihnen. Und nur wenn wir es sozusagen schmecken, dann kommen wir auch zum Mahl. Und Gregor zitiert den Psalm…: „Schmeckt und kostet und seht“; kostet, dann werdet ihr sehen und erleuchtet werden! Wir müssen helfen, dass die Leute es kosten können, dass sie den Geschmack an Gott wieder spüren können.

In einer anderen Homilie ist Gregor der Große der gleichen Sache noch weiter auf den Grund gegangen und hat gefragt: „Wie kommt es, dass sie nicht wenigstens irgendwo es verkosten wollen.“ Und er sagt: Wenn der Mensch ganz mit seiner eigenen Welt beschäftigt ist, mit den materiellen Dingen, mit dem, was er tun und machen kann, mit allem Machbaren, das ihm Erfolg bringt, das er selber hervorbringen und in sich einbeziehen kann, dann verkümmert seine Empfindungsfähigkeit Gott gegenüber, das Organ für Gott verkümmert und er wird stumpf und unsensibel für Ihn. Wenn er zu sehr all die anderen Organe gebraucht, die empirischen, dann kann es geschehen, dass eben der sinn für Gott verflacht, dieses Organ abstirbt und der Mensch, wie Gregor sagt, das Anschauen, das Angeschautwerden von Gott nicht mehr empfindet – dieses Kostbare, dass sein Blick mich trifft!

Ich meine, Gregor der Große hat da genau die Situation unserer Zeit geschildert…
Und wieder ist die Frage: Was sollen wir tun? Ich glaube, das erste ist das, was uns der Herr sagt,… was uns Paulus vom Herrn her zuruft: „Habt die Gesinnungen Jesu Christi!“ Lernt denken wie Christus gedacht hat, lernt mit Ihm denken! Und dieses Denken ist nicht ein intellektuelles Denken, sondern ist auch ein Denken des Herzens. Die Gesinnungen Jesu Christi lernen wir, wenn wir mit Ihm mit= denken lernen und so auch sein Scheitern mitdenken lernen und sein Hindurchgehen durch das Scheitern, das Größerwerden seiner Liebe im Scheitern.
benedikt Wenn wir in diese seine Gesinnunge eintreten, anfangen, uns in sie einzuüben, dass wie Er und mit Ihm denken, dann erwacht in uns die Freude an Gott, die Zuversicht, dass Er dennoch der Stärkere ist, ja, wir dürfen sagen: die Liebe zu Ihm. Wir spüren, wie gut es ist, dass Er ist und dass wir Ihn kennen dürfen – dass wir Ihn im Angesicht Jesu Christi, der für uns gelitten hat, kennen. Ich denke, dies ist das Erste: dass wir selber in lebendige Berührung mit Gott treten – mit dem Herrn Jesus, dem lebendigen Gott; dass in uns das Organ für Gott stärker wird, dass wir das Empfinden seiner Köstlichkeit selber in uns tragen. Und das beseelt dann unser Wirken. Ich glaube, darum sollten wir uns vor allem bemühen: im Hinhören auf den Herrn, im Beten, im inwendigen Mitsein bei den Sakramenten, im Suchen Gottes im Gesicht und im Leiden der Menschen seine Gesinnungen zu erlernen, um von seiner Freude, von seinem Eifer, von seiner Liebe angesteckt zu werden und so mit Ihm von Ihm her die Welt anzublicken. Wenn uns das gelingt, dann finden wir auch bei allem Nein die Menschen neu, die auf Ihn warten, die oft vielleicht abenteuerlich sind – das sagt uns ja das Gleichnis sehr genau – und die doch in seinen Saal hineingerufen sind.

Noch einmal mit anderen Worten: Es geht um die Zentralität Gottes, und zwar nicht irgendeines Gottes, sondern des Gottes mit dem Gesicht Jesu Christi.

Daran, denke ich, entscheidet sich heute das Geschick der Welt in dieser dramatischen Situation: ob Gott da ist – der Gott Jesu Christi – und an= erkannt wird, oder ob Er verschwin= det. Um seine Gegenwart mühen wir uns. Was sollen wir tun? Zuletzt? Wir rufen zu Ihm! Wir feiern diese Messe zum Heiligen Geist und bitten Ihn, dass Er bewässert, dass Er wärmt, dass Er aufrichtet, dass Er selbst mit der Kraft seiner heiligen Flamme uns durchdringt und die Welt erneuert: darum bitten wir Ihn in dieser Stunde, in diesen Tagen von ganzem Herzen. Amen.

©Zeitschrift HM Nr. 27 Januar/Februar 2007