Schwester Luisina
von Sr. Maria Fuentes, S.H.M.
Sr. Luisina gehört der Marianitengemeinschaft in Chone, Ecuador, an. Derzeit lebt sie in einer Schule, die ihre Gemeinschaft in derselben Stadt betreut.
Klein und etwas mager, bereits mit Jahren beladen und kränklich, hat sie ihr Lächeln, ihren Mut und ihre Geisteskraft, die sie jedes Mal dann übermittelt, wenn sie spricht, nicht verloren.
Während einer Feier kamen wir am gleichen Tisch neben ihr zu sitzen, und sie erzählte uns von den verschiedenen apostolischen Arbeiten, die sie verrichtete. Sie erklärte uns, dass ihre bevorzugteste Arbeit von allen die Arbeit mit den Kindern war. Ein Priester oder ein Bischof, ich bin mir nicht mehr ganz so sicher, kam eines Tages bei ihrer Gemeinschaft vorbei und ermutigte sie, mit den Kindern zu arbeiten, denn „was im zarten Herzen der Kinder gesät wird, bleibt dort für immer“. Sie versicherte uns die Wahrheit dieser Worte und berichtete uns folgende Anekdote:
Eines Tages, als sie bereits etwas älter war, begleitete sie ihre Nichte zum Einkauf in Guayaquil. Während sich ihre Nichte in einem Laden befand, wartete sie davor. Plötzlich sprang sie jemand von hinten an und umarmte sie durchaus „grob“. Die arme Schwester holte sich einen ungeheueren Schrecken ein, dachte sie doch, dass sie jemand berauben wollte oder ähnliches. Doch sofort erkannte sie, dass es sich um eine freundliche Umarmung handelte. Als sie sich drehte, sah sie eine zutiefst gerührte Frau, die sie heftig fragte: „Schwester, erinnern sie sich an mich, erinnern sie sich an mich, Schwester?“.
Schwester Luisina erklärte uns, wie sie jene Frau immer wieder von oben bis unten betrachtete, jedoch dieses Gesicht nicht zu erkennen vermochte. Nach so vielen Jahren Missionsarbeit in so vielen verschiedenen Gebieten. So fing sie nun mit der „Nachforschung“ an: „Von woher kenne ich dich, meine Tochter? Bist du in einer unserer Schulen, … in einer Mission gewesen? Hilf mir doch etwas weiter.“
Sie erfuhr nun, dass diese Frau Schülerin ihrer Katechesegruppe in einer der Vorstädte Guayaquils war.
Die Schwester freute sich unglaublich, dass sie nach all diesen Jahren ihre Katechetin nicht vergessen hatte und fragte sie, was währenddessen aus ihrem Leben geworden war.
Die arme Frau erzählte ihr, wie ihr Leben so ziemlich entgleiste. Aufgrund ihrer Lebensumstände und von Geldnöten endete sie als Prostituierte.
Schwerster Luisina bedauerte diese Umstände sehr und fragte sie, ob sie ihr auf irgendeine Weise helfen könnte. Die Frau antwortete ihr, dass sie es bereits getan hatte und erklärte ihr wie.
Gott erinnerte sich ihrer in Seiner unendlichen Barmherzigkeit.
Zuerst ließ Er zu, dass sie trotz aller „Vorkehrungen“ von einem all jener Männer schwanger wurde. Die Welt schien auf sie einzustürzen und sie überlegte selbst, das Kind abzutreiben. So kam es nun, dass ihr der Herr eine Frau über den Weg führte, die gerne ein Kind zu adoptieren wünschte. Sie bot ihr an, ihre Probleme zu lösen, wenn sie ihr das Kind dafür geben würde.
Als die Zeit der Geburt kam und sie das Kind in ihren Armen hielt, fing sie an, dieses unglaublich zu lieben, weshalb sie ihren vereinbarten Vertrag bereute. Doch gab es nun kein Zurück mehr, nach zwölf Tagen musste sie das Kind übergeben. Sie war am Boden zerstört und litt an schrecklicher Depression. Sie fühlte, wie sie die Last ihrer Sünden erdrückte und hasste sich selbst. Sie sehnte ihren Tod herbei.
Doch plötzlich erinnerte sie sich, man weiß nicht wie, an all die Dinge, die sie als kleines Mädchen während der Katechese gelernt hatte. Scharf wie ein Photo hatte sie das Bild jener Schwester vor Augen, die mit solcher Süße über die gute Mutter im Himmel sprach, eine Mutter, vor der wir uns nie zu fürchten haben, denn Sie weist niemals eines ihrer Kinder zurück, wie schlimm sie auch sind, niemals weist Sie ihre Hilfe zurück, wenn sie nach Ihr rufen.
So fühlte sie sich dazu bewegt, in eine Kirche zu gehen und sich vor die Statue der Heiligen Jungfrau zu knien. Dort ertränkte sie in ihren Tränen vor ihrer Mutter all ihre Angst und die Schwere ihres Herzens.
Ein Priester dieser Pfarre sah sie, beobachtete sie einen Augenblick und näherte sich ihr dann. Mit beinahe mütterlicher Feinfühligkeit und Geduld hörte er der ganzen Geschichte dieser armen Seele zu, tröstete sie und sprach sie von ihren Sünden los.
Sie fühlte sich nun vollständig erneuert. Und mit der Hilfe des Priesters konnte sie ihr Leben wieder herstellen. Mit viel Freude und Frieden verdient sie ihr Geld nun auf ehrliche Weise und bringt somit ihr Leben voran.
Sie hörte nicht auf, die Schwester zu umarmen und ihr dafür zu danken, dass sie ihr diese Dinge gelehrt hatte, die in ihrem Herzen wie ein Samenkorn ruhten und im unerwartetsten, jedoch notwendigsten Augenblick wieder zu sprießen begannen und sie aus einem absoluten Elend herausholten.
Schwester Luisina hörte nicht auf, Gott dafür zu danken und erklärte uns, wie Anekdoten dieser Art die Arbeit mit Kindern zu ihrem bevorzugtem Apostolat machten, denn was im zarten Herzen eines Kleinen gesät wird, bleibt dort für immer und früher oder später gibt es seine Früchte ab.
©HM Nr. 22 März-April 2006


