Heim der Mutter*

  • Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size
Home Zeitschrift HM Bisherige Ausgaben Nr. 22 - März/April 2006 Zeitschrift HM - Mamie und die Familie
Banner








mamieMamie und die Familie

Von P. Rafael Alonso

Mamie träumte stets davon, eines Tages eine Familie mit vielen, vielen Kindern zu haben. Mindestens zwölf müssten es sein. Sie schätzte das Leben über alles. Sie selbst stammte aus einer vierköpfigen Familie – Vater, Mutter, Schwester und sie selbst – zu der noch die Großmutter hinzukam. Sie wusste sehr genau, was eine kleine Familie war, und doch neigte sie beim Planen einer Ehe und bei der Gründung der Familie zu einer großen Familie. Ihr Herz war so groß, dass sie mit dem Ehemann und ein oder zwei Kindern nicht genug hatte.

Und doch ermöglichte Gott es ihr nicht, diese Familie ihres Wunsches zu haben.
Sie heiratete noch sehr jung Francois Treuttens, wobei man während ihrer zweiten Schwangerschaft, nachdem sie ihre Tochter Simone heil zur Welt gebracht hatte, eine schlimme Entdeckung machte. Es handelte sich um eine Extrauterinschwangerschaft. Als Folge davon musste sie unbedingt operiert werden. Neben anderen keinesfalls geringwertigen Folgen war das Ergebnis dieser Operation, dass sie keine weiteren Kinder haben konnte.

Mamies Herz war auch weiterhin offen, stets in der Liebe zu ihren Mitmenschen zu wachsen. Sie verschloss sich nicht in sich selbst, sondern zeigte immer wieder ihre Verfügbarkeit den anderen gegenüber, indem sie ihnen zuhörte, ihnen Verständnis zeigte, sie ermutige, ihnen Ratschläge gab und ihnen vor allem diente.

Vor mir habe ich das Photo eines Familientreffens, das aus vor allem älteren Menschen bestand. Um die in T-Form zusammengestellten Tische sitzen Mamie und ihr Gatte, Mamies Mutter und ihre Tante, und vier weitere Personen, von denen eine ein Kind . Sie nahmen gerade Kaffee zu sich. Auf dem Tisch befand sich ein Aschenbecher, einige Gläser, ein Photoapparat, Brillen, einige Teller mit Gabeln und Messern, eine Zuckerschüssel;… all das in einer sehr häuslichen Atmosphäre, in der die Menschen ausrasten, aufmerksam der Unterhaltung zuhören und hin und wieder eine Zigarette rauchen, was während dieser Zeit noch nicht verfolgt wurde.

In ihren Gesichtern ist keine Sorge zu erkennen, viel mehr ein Ausdruck aufmerksamen Zuhörens und ein liebevoller Blick. Mamie hat Brillen auf, ihre Haare zu einem Schopf zusammengebunden, einen Pullover und eine Zigarette in ihrer rechten Hand und die linke Hand freundlich auf der linken Schulter ihrer Tante ruhen, die zu ihrer Linken auf einem Holzsessel sitzt. Das alles strahlt die häuslichen Tugenden, Frieden, Vertrauen, Aufmerksamkeit, Respekt, Zärtlichkeit aus.

Nichts erscheint gekünstelt. Alle tragen ihre Hausschuhe. Welche Unterhaltung hat in diesem familiären Umfeld stattgefunden? Ohne Zweifel handelte es sich um eine sehr liebenswerte und ausgedehnte Unterhaltung. Eine Uhr auf dem kleinen Kachelofen zeigt an, dass es gerade fünfundzwanzig Minuten vor sieben war.

Dieser Artikel kann etwas lächerlich erscheinen. Der Autor, könnte man sagen, scheint ausschließlich Unwichtigkeiten wiederzugeben. Doch, wenn eine Gesellschaft die Ruhe und Freude eines Familienlebens verloren hat, was bleibt ihm anderes übrig? Ist es nicht gerade das, was wieder gewonnen werden muss? Ist es nicht das, was von neuem geschätzt werden muss? Eine Gesellschaft, die nach der Arbeit mit der ganzen Familie die Ruhe zu genießen weiß, ist diese nicht vor vielen Gefahren wie Angst, Trennung, Not, usw. geschützt?

Mamie wusste um diese Kunst, die für gewisse Menschen als „Zeitverlust“ betrachtet wird; die Kunst der Unterhaltung, der Übermittlung von Werten, Ideen, Erfahrungen und Beobachtungen.

Der Lebensrhythmus war keinesfalls verrückt. Es handelte sich um einen menschlichen Rhythmus, da die Ideen ihre Zeit benötigen, um sich zu festigen. Die Erfahrungen benötigen ihre Zeit um verarbeitet werden zu können. Die Übermittlung gemeinsamer Werte, die Kommunikation dieser Werte benötigt Zeit, nämlich die Zeit, während der man sich in einem mehr oder weniger gemütlichen Sessel an einen Tisch setzt, eine Tasse Kaffee zu sich nimmt und sich unterhält.

©HM Nr. 22 März-April 2006