Das Elend der Neidigen
von Sr . Rocio, S.H.M.
Vor einiger Zeit wurden unsere Augen von einigen Bildern der Zerstörung und Todes gepeitscht, die durch einen Tsunami in mehreren Gebieten Asiens provo-ziert wurden, und unser ganzes Wesen erschütterten. Doch gibt es auch andere Arten von Tsunami, innere Tsunami, geistliche Tsunami, denen wir kaum Aufmerksamkeit schenken, da sie nicht sichtbar, jedoch nicht weniger zer-störerisch sind. Einer dieser Tsunami ist der Neid, der durch die Seele läuft und überall Hass, Zerstörung und Tod provoziert. Dieselbe Heilige Schrift weist uns darauf hin: „Durch des Teufels Neid kam der Tod in die Welt.“ (Weish 2,24).
Wie oft haben wir nicht in unserem Inneren dieses Neidgefühl unseren Mitmenschen gegenüber wie ein Monster wachsen verspürt! Neid auf-grund einer guten Sache, die der andere getan hat und nicht ich. Neid aufgrund einer Anerkennung und eines Lobes, aufgrund einer natür-lichen oder gar übernatürlichen Gabe, die jener besitzt, der sich in meiner nächsten Umgebung befindet. Neid, da sie über ihn sprechen und über mich nicht. So viele Dinge sind es und oftmals sehr klein, und doch erwecken sie in uns die Sünde, die wir Neid nennen.
Gelegentlich kann er so unscheinbar sein, dass wir uns kaum darüber bewusst werden, ihn beinah nicht erkennen, und doch ragt er wie eine riesige Mauer zwischen mir und meinem Bruder in die Höhe. Andere Male wiederum präsentiert er sich mit all seiner Bösartigkeit, wobei er mit der Zeit alle guten Gefühle tötet, die zu wachsen beginnen.
Doch, was ist der Neid nun tat-sächlich? Er ist nichts anderes als dieser Verdruss und diese Traurigkeit, die mir das Gute in den anderen produziert, und das ich wie ein Feind als etwas Böses betrachte und richte, da es auf gewisse Weise meine Herrlichkeit und meinen Lob, die ich verdient zu haben meine und gerne empfangen würde, reduzieren. Ich glaube, dass sich die andere Person jenen Teil an Verdienst mitnimmt, der mir gehören würde, wäre sie nicht anwesend. Es ist dieses gewisse Vergnügen, dass ich ver-spüre, wenn meinem Mitbruder eine Ungnade zustößt, und dieser gewisse Schmerz, sehe und höre ich von seinem Gedeihen; dieses gelernte Schweigen, bekommt man über die guten Qualitäten eines Mitmenschen zu hören; diese Neugierde beim Ermitteln der Fehler der anderen, um sie danach zu ver-öffentlichen oder sich ganz einfach daran zu erfreuen; diese Unzahl von Künsten, um den anderen zu ver-drängen, oder sein Werk herabzu-würdigen.
Wir dürfen niemals vergessen, dass der Neid eine schwere Sünde ist und als solche zur Quelle anderer Lüste und Sünden wird und somit in der Seele einen ungemein großen Schaden anrichtet. Er ist nichts anderes als eine Form oder ein Ausdruck der unterschiedlichsten Formen des Egoismus, der uns unseren Mitmenschen und deren Gütern gegenüber gefühllos macht und uns immer mehr mit uns selbst füllt. Der Mensch neigt immer wieder dazu, sein eigenes Interesse mit Härte und durch Zufügen von Schaden suchen: „Weg von hier, damit ich mich hinstellen kann.“. Es handelt sich dabei um ein Laster, das knauserigen und kleinen Herzen eigen ist, und mehr sich selbst als den Beneideten schaden. „Der Neid ist ein Laster reiner Boshaftigkeit; keinen Nutzen und kein Vergnügen bringt er dem, der ihn besitzt, sondern viel mehr jede Menge an Qualen.“ (hl. Thomas von Villanueva).
Es handelt sich nicht um einen ein-fachen Wunsch des Wetteifers, der im gewissen Maß gut sein kann, da dieser uns die Güter anderer Menschen, die wir selbst nicht besitzen, auf geordnete Weise wünschen lässt. Auch darf er nicht mit einem Missfallen verwechselt werden, das dadurch ausgelöst werden könnte, da jemanden Ehren zugesprochen werden, bei denen man klar und deutlich weis, dass er sie nicht verdient hat, da entweder seine Handlung nicht dem Ergebnis ent-sprach, oder da er mit dieser Ehre selbst schlechten Gebrauch machen könnte. Sprechen wir von Neid, so beziehen wir uns mehr auf ein Urteil, das vom Stolz herrührt. Tief in unserem Inneren ver-meinen wir besser als die anderen zu sein, weshalb die Ehre auch mehr uns selbst als unserem Mitbruder angehört. Wir glauben mehr Qualitäten und Gaben zu besitzen als die anderen, weshalb diese auch anerkannt werden müssen. Oftmals kann uns unser Hochmut so weit treiben, dass wir, sehen wir mit völliger Klarheit das bessere Ergebnis des anderen oder wie viel Gaben er mehr besitzt, die Lob-preise, die ihm dafür zugestehen, nicht ertragen und unermüdlich die Ehre zu unserem Wohl umzuleiten versuchen. „Lasst uns nicht eitler Ehre nachstreben, einander nicht herausfordern, einander nicht beneiden!“. (Gal 5,26).
Der Neid entsteht viel mehr unter Menschen auf gleichem Niveau, da wir uns in unserer Eitelkeit um die Ehre und die Güter anderer Menschen auf unserem Niveau und nicht jener, die uns klar und deutlich überragen, in den Schatten gestellt fühlen, da wir wissen, dass sie für uns keine Konkurenz sind.
Die Effekte einer neidischen Seele sind fürchterlich. Wie wir bereits gesehen haben produziert der Neid ein großes Gefühl an Traurigkeit. Der neidische Mensch ist dazu verdammt, in Unglückseligkeit zu leben. Niemals ist er zufrieden. Er ist unfähig, sich über das Gut des Nächsten zu freuen. Er ist unfähig, sich über die einfachen Dinge des Lebens zu erfreuen, da er sie immer als Feinde seiner eigenen Freude einstuft. Welch ein Widerspruch! Was ich als Feind meiner Freude betrachte ist es geradezu das diese große Traurigkeit hervorruft. Der neidische Mensch verliert die Freude an so vielen Dingen, die ihn erfreuen könnten und erfährt auf falsche Weise die Erfolge unserer Mitbrüder als etwas Schlechtes. Geradezu aus diesem Grund ist er unfähig, seine eigenen Güter und Gaben anzuer-kennen. Und preisen ihn die anderen für irgendetwas, so versucht er immer wieder einen versteckten Grund, ein Vorhaben hinter diesem Lobpreis zu entdecken. Grund-sätzlich projektieren wir unsere Gedanken und Wünsche in die Handlungen der anderen, und wo der neidische Mensch nicht fähig ist jemanden ohne Interesse zu loben, so denkt er, dass auch alle anderen Menschen auf diese Weise handeln. Es kann selbst soweit kommen, dass wir aufgrund eines Unglücks eines Mitmenschen Zufriedenheit verspüren, und uns ausschließlich am Schick-salsschlag unseres Nächsten erfreuen, da somit unser Erfolg besser hervorsticht. Welch tiefe Grade an Geiz sich doch in unserem neidischen Herzen einniesten können!
Der Neid provoziert Division, denn der neidische Mensch ist nicht der Nächstenliebe fähig, da er sich auf ungeordnete, auf exzessive Weise liebt. Doch, im Endeffekt muss sich der Mensch immer wieder einer Entscheidung gegenüberstellen: Gott oder das eigene ich. Es geht um die Alter-native zwischen der Liebe zu Gott und dem Nächsten oder der Liebe seiner selbst und der Verab-scheuung Gottes. Und entscheide ich mich, mehr mich selbst als Gott und den Nächsten zu lieben, so kann sich diese Liebe sehr leicht in Hass verwandeln. Der neidische Mensch sieht seinen Mitbruder als Feind. Er empfindet jene Menschen, die besser und heiliger sind, mehr Intelligenz haben, mehr apostolische Früchte ernten, eine höhere Stellung einnehmen, von allen anerkannt werden… durchaus belästigend, da sie doch seinen eigenen Wert vermindern könnten.
Der neidische Mensch ruft sehr schnell Hass hervor, da er mittels übler Nachrede, Verleum-dung, Beleidigung, Andeutungen bei Lobpreisungen die Enteh-rung des Nächsten zu erreichen versucht. Wie schwer fällt es doch einen neidischen Menschen etwas zu loben, dass sein Mitbruder getan hat! Zuerst gibt es sich durch einfache Gedanken im Inneren zu verstehen. Schon bald werden die üble Nachrede und die Beleidigung im Inneren des Herzen akzeptiert, denn dort ist es wo die guten und schlechten Wünsche entstehen. „Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund.“ (Mt 12,34). Der Neid ist ein Gefühl, der nach und nach das ganze Herz zerfrisst. Wie schon die Heilige Schrift sehr gut aus-drückt: „Die Schlimme Eifersucht ist Fäulnis im Gebein.“ (vgl. Spr 14,30).
Der Schritt von Innen nach Außen ist ein nur sehr kleiner Schritt und beinahe nicht sicht-bar. Sobald sich die kleinste Möglichkeit an-bietet, nützt sie der neidische Mensch, um seinen Nächsten zu entehren. Selbst hier kann uns unsere Eigenliebe betrügen, denn nicht immer präsentiert sie sich wie eine Entehrung, sondern im Gegenteil dazu beginnen wir mit einem Lob, nach dem wir raffiniert unsere ganze Artillerie entladen, damit diese Aktion, die wir anerkennen müssen, so gut wie möglich in den Schatten gestellt wird. ‚Für ihn ist es leicht, da er diese Gabe besitzt, weshalb es nicht ganz so viel Verdienst mit sich bringt wie bei anderen Menschen. Doch, wie viele Men-schen tun nicht ähnliches oder selbst noch mehr. Ich bin mir sicher, dass unter etwaigen Um-ständen alle auf diese Weise gehandelt hätte. Usw. und so fort. Es kann selbst soweit kommen, dass wir den Tod der anderen Person herbeiwünschen, wirft sie doch ununterbrochen auf meine Wünsche und mein Streben Schatten. Wir dürfen niemals vergessen, dass Kain seinen Bruder Abel gerade des Neides wegen tötete.
Der neidische Mensch weiß nicht was das Wort Freundschaft bedeutet. Er sieht in seinem Mitmenschen einen Wettkämpfer oder selbst eine Gefahr, was eine äußerst gewöhn-liche Reaktion ist. Glaube ich nicht wirklich an meinen eigenen Wert, so muss ich ihn ununterbrochen bestätigen. Ich muss den anderen und mir selbst zeigen, dass ich trotz aller Umstände wert besitze. Sehr häufig lässt uns diese wettkämpferische Neigung die anderen Menschen als Rivale betrachten, was wiederum bei Gelegenheit zu einer tragischen Situation führen kann. ‚Wird jemand in meiner Gegenwart gelobt, fühle ich mich aufgrund meiner niedrigen Meinung, die ich über mich selbst habe, an-gegriffen.’ Tatsächlich gibt es absolut keine Motive für eine ähnliche Reaktion, doch verforme ich die Realität aufgrund des ständigen Vergleichens mit mir auf schreckliche Weise, wobei ich immer wieder alles in diese Atmosphäre der Rivalität bringe. All das ruft in mir Misstrauen und selbst Aggressivität hervor, die eine ständige Verteidigungs-haltung aufbaut.
Man fragt sich nun, was man eigentlich bei solch einer Situation, vor solch einer Nei-gung tun kann. Es gibt nur einen Weg, den Weg der Näch-stenliebe und der Demut. Es ist nicht zu lange her sah ich einen Film über das Leben von Johannes Paul II., der vom An-fang bis zum Ende von einem Thema geprägt war: nur die Liebe besiegt den Hass. Doch wird das Böse und der Hass nicht von der wahren Liebe besiegt, so wird sie von einem noch größerern Hass ersetzt. Und es ist wahr, einzig allein die Liebe kann den Neid besiegen. Liebt man jemanden aus ganzem Herzen, so gibt es keinen Platz mehr für Neid, im Gegenteil, wir erfreuen uns an den Erfolgen und die Liebe bringt uns dazu, das Gute unserer Mitmenschen wie ein eigenes Gut zu lieben. Die gute Seele sieht alles mit gütigen Augen. Die Nächstenliebe ist Gerechtigkeit und weiß zu erkennen, was einem jeden zusteht, ohne die Ehre des Nächsten zu rauben oder sich selbst anzueignen.
Die Nächstenliebe öffnet, der Neid schließt; die Nächstenliebe erhält das Ideal, der Neid versengt es; die Nächstenliebe schärft das Gewissen und spannt den Willen zu anderen Zielen; die Nächstenliebe ist dynamisch, apostolisch, der Neid kann nur an sich denken, sich selbst zerfressen, innere Unruhe, Unordnung und Unglücklichkeit produzieren. „Entferne von dir den Neid und all das meine wird dein sein, entferne von mir den Neid und all das deine wird mein sein. Der Neid trennt, die Nächstenliebe vereint.“ (hl. Augustinus)
Und auf der anderen Seite haben wir die Demut. Der Demütige kennt seine Einschränkungen und erfreut sich daran von Menschen umgeben zu sein, die ihn in vielen Aspekten übertreffen. Noch mehr, es macht ihm absolut nichts aus. Viel mehr wünscht er sich, dass sie mit ihren Gaben noch weiter gelangen als er, ohne sich dabei unent-behrlich zu machen noch unüberwind-bar zu betrachten.
Schaffen wir es mit aller Ruhe die Worte des Kardinal Merry del Val zu wiederholen ‚mögen die anderen gelobt und ich kritisiert werden, bevorzugt und ich verleumdet werden, heiliger werden als ich, vorausgesetzt, dass ich so heilig werde, wie ich soll’, so haben wir es geschafft, wir haben den Neid besiegt und aus unserem Herzen verbannt.
©HM Nr. 20 November-Dezember 2005


