Unterhalten wir uns mit Anne Sophie
Anne, kannst du dich kurz vorstellen?
Ich heiße Anne Sophie, bin 27 Jahre alt und stamme ursprünglich aus Westfrankreich. Ich bin die Älteste von fünf Geschwistern.
Gehen wir nun einige Jahre zurück. Welche Erziehung hattest du während deiner Kindheit?
Mein Vater und meine Mutter haben mich von klein auf im Glauben, der sich in der Liebe zu Jesus Christus und einer persönlichen und tiefen Beziehung zu Ihm gründet, erzogen. Noch sehr klein, sehnte ich mich bereits danach, die Erstkommunion zu empfangen. Die Heiligen waren beim Aufbau meines Lebens meine unverzichtbaren Vorbilder. Ich liebte sie aufgrund ihrer Bestimmtheit Christus nachzufolgen, waren sie sich auch ihrer Geringfügigkeit bewusst. Die hl. Theresia von Lisieux, die hl. Johanna von Orleans (aufgrund ihres Mutes und ihrer Stärke), der hl. Petrus (obwohl er Sünder war, liebte er Jesus über alles), der hl. Johannes Bosco (aufgrund seiner Liebe zu den Kindern), die hl. Elisabeth der Hl. Dreifaltigkeit, die hl. Theresia von Avila, der hl. Antonius, der hl. Maximilian Kolbe, der hl. Pfarrer von Ars… wie schwer es doch ist, bei all diesen großen Heiligen einen auszuwählen.
Wie wurde der Glaube in deiner Familie konkret gelebt?
Schon immer haben wir gemeinsam in der Familie gebetet und unsere Eltern erzogen uns, aufgrund des Lebensentschlusses, den sie gefasst hatten, in der Liebe zu den Armen und der Hin-gabe an den Nächsten. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie wir einmal Weihnachten mit den Armen von der Straße verbrachten, anstelle, wie auch alle anderen Menschen, mit der Familie zu feiern. Für mich bedeutete das ein großes Opfer, dass von mir persönlich sehr viel Freiheit abverlangte. Und trotzdem waren es die schönsten Weihnachten meines Lebens. Plötzlich konnte ich die Freude der Armen verstehen, die sich bei der Heiligen Familie im Stall zu Bethlehem einfanden. Sehr bald schon erkannte ich, dass sich meine Familie stark von den anderen Familien unterschied. Wir lebten einfach ein anderes Leben. Als kleines Mädchen war ich sehr stolz darauf. Danach, vor allem während der Jugendzeit, fiel es mir sehr schwer, diese Situation zu akzeptieren. Doch berührten diese starken Erfah-rungen, wie jene Weihnachten, mein Herz unglaublich stark und ich wusste, dass der Weg zu Gott dort vorbeiführt.
Nahmst du ebenso an den Aktivitäten einer Jugendgruppe teil?
Während meiner Jugendzeit trat ich den Pfadfinderinnen bei. Nach meiner Familie war diese Gruppe der Ort, an dem ich meine Persönlichkeit aufbaute. Die Pfadfindergruppe spielte weiters eine besonders wichtige Rolle, um während meiner Schulzeit meinem Glauben treu zu bleiben. Dort schloss ich wahre Freundschaften, lernte gute Priester kennen, die mir dabei halfen, geistlich zu wachsen, und dort war es auch, wo man mit anderen Menschen in Liebe und Wahrheit leben konnte. Weiters fand ich dort eine Antwort auf meinem Durst nach einem Ideal. Auch bereitete ich mich gerade auf meine Firmung vor. Für mich war diese Vorbereitung von großer Wichtigkeit, bedeutete sie doch, mich definitiv für Christus als den Herrn meines Lebens zu entscheiden. Ich glaube, dass ich dabei zum ersten Mal die Verpflichtung eines erwachsenen Christen annahm.
Und wie ging es danach weiter?
Nun musste ich mich schon bald von meiner Familie verabschieden, um meine Schulausbildung fortzusetzen. Ich wurde stark von der Politik und den Sozialwissenschaften angezogen, schienen sie doch meinen Durst nach einem Ideal zu stillen. So fing ich mein Soziologie- und Kulturwissen-schaftsstudium an, wobei mein Ziel stets darin bestand, auf irgendwelche Weise den Menschen zu helfen. Diesen Weg eingeschlagen, fand ich mich auf einem Schlag in einem kirchenfeindlichen Umfeld vor, in dem von Schülern und Professoren all das gehasst wurde, was ich mit meinem Lebensideal vertrat. Das einzige Mittel, um unser Verhältnis ändern zu können, bestand darin, die Gründe ihrer Reaktionen verstehen zu lernen und sie zu lieben, ohne dabei die Wahrheit zu verlassen. Oftmals musste ich äußerst anstrengende Tage durchstehen, an denen die Menschen äußerst aggressiv reagierten und sich über mich lustig machten, da ich, zum Beispiel, noch kein Verhältnis mit einem Jungen eingegangen war und Ähnliches. Mein Trost bestand darin, mich abends mit meinen Freunden aus der Pfadfindergruppe zu treffen, mit denen ich danach zur Anbetung des Allerheiligsten Sakraments und der Heiligen Messfeier ging. Deren Freundschaft und das persönliche Gebet waren für mich eine lebenswichtige Unterstützung.
War es dir möglich, etwas aus dieser Situation zu lernen?
Es ist sehr schwierig, in einem verderblichen Umfeld zu leben, ohne sich von diesem anstecken oder gar unterkriegen zu lassen. Meine Freun-de und meine Familie machten es mir möglich, nicht alleine sein zu müssen. Das war auch der Grund weshalb ich nicht verloren ging. Auf der anderen Seite lernte ich während dieser Zeit sehr viel über die Güte des menschli-chen Herzens. Hatte ich einmal verstanden, dass ich die anderen nicht mit allen möglichen Mitteln zu bekehren versuchen musste, da ich selbst dabei Gefahr lief, zu stürzen, betrachtete ich sie aus einem ganz anderen Blickwinkel, wobei sich ebenso unser Verhältnis änderte. Meine Überzeugungen und meine Werte riefen in ihnen Unmengen von Fragen hervor! Und je besser mich die Studenten kannten, desto mehr öffneten sie sich mir. Einige von ihnen hatten bereits ein sehr hartes Leben hinter sich, und schließlich hatten sie jemanden gefunden, mit dem sie sprechen konnten. Ich wurde mir bewusst, was es bedeutete und welches Glück ich hatte, von der eigenen Familie geliebt zu werden. Weiters sah ich, wie viele jungen Menschen innerlich nach mehr dürsteten, als ihnen bis zu diesem Augenblick angeboten wurde. Eine weitere Schwierigkeit, die ich während dieser Zeit hatte, war, mich nicht zu sehr zu zerstreuen. Ich war einfach zu viele Verpflichtungen eingegangen, befand ich mich doch in politischen, religiösen, und anderen Jugendgruppen, bei denen ich aktiv mitwirkte. Meine Freizeit wurde von meinen Freunden und den verschiedensten Verpflichtungen vollständig in Anspruch genommen, weshalb meinen Leben letzten Endes nicht allzu viel Ordnung besaß. Auf der einen Seite unternahm ich zuviel und auf der anderen Seite ließ ich zu große Lücken frei. Dieser Lebensrhythmus zerstörte teil-weise selbst unser Familienverhältnis, da ich in mein Elternhaus nur noch um zu schlafen oder um danach mit meinen Freunden auszugehen zurückkehrte.
Was veranlasste dich, deine Situation zu ändern?
Als ich mich während dem Jubiläum des Jahres 2000 ein Wochenende lang zuhause bei meinen Eltern befand, hatte ich die Möglichkeit bei einer Gebetsvigil mit der Aussetzung der Allerheiligsten Sakraments, von meiner Pfarre organisiert, dabei zu sein. Dort, vor dem Allerheiligsten Sakrament, wurde ich auf ganz besondere Weise von der Gnade Gottes berührt. Indem ich Ihn, Jesus, in der Eucharistie betrachtete, und dabei die Erfahrung der Barmherzigkeit Gott Vaters machte, wurde ich mir bewusst, dass Er mich für das liebte, was ich war, und nicht für das, was ich tat. Ich erkannte, dass ich mein Leben damit verbrachte, für Ihn zu schaf-fen, mir jedoch nicht die Zeit nahm, meine Kräfte und meine Liebe zu Ihm zu richten. Ich verstand, dass Er mich ununterbrochen dazu einlud, in Ihm, in seinem Innersten zu wohnen. Und ich wurde mir auch noch bewusst, dass ich den anderen Menschen nur in dem Maße seine Liebe verkünden konnte, in dem ich die Zeit nicht mehr für mich lebte.
Wie setztest du nun diese Erfahrung ins konkrete Leben um?
Als ich mein Studium abgeschlossen hatte, beschloss ich, ein Jahr meines Lebens einer Tätigkeit zu widmen, die der Menschheit zugute käme. Schließlich erkannte ich, dass ein Jahr in der Internationalen Evangelisationsschule den Plänen Gottes über mich besser entsprechen würde. Diese von der Gemeinschaft Emmanuel hervorgerufene Schule, die sich in Paray-le-Monial befindet (Stadt, in der Christus sein Herz der hl. Margarita Maria zeigte), bietet allen Jugendlichen dieser Welt eine intellektuelle, geistliche, menschliche und missionarische Ausbildung an, die ihnen ihre Berufung, die sich in der Taufe gründet, innerhalb der Welt zu leben helfen soll. Während diesem Jahr staunenswerter Bereicherung lernte ich in meinem Leben Ordnung zu schaffen, indem ich durch das Gebet die Liebe, die ich zu verkünden habe, in die richtigen Wege lenkte. Ich lernte, mich innig dem Herzen Jesu zu nähern, ohne dabei Angst zu haben, Ihm Alles zu geben, wie uns auch die hl. Theresia von Lisieux lehrt. Er möchte uns alles schenken! Weiters entdeckte ich, wie sehr uns Gott zu freien Männern und Frauen machen möchte! Die Erfahrung der regelmäßigen Beichte ermöglichte mir, mich von den Schlingen und den Wunden zu befreien, die mich daran hinderten, wieder aufzustehen.
Natürlich kam nun auch die Frage nach meiner Berufung immer heftiger in meinen Gedanken in den Vordergrund, und das nicht ganz ohne Ängste, gab es doch noch unzählige falsche Ideen und Ängste darüber, was die anderen sagen werden, Bewusstsein meiner persönlichen Unfähigkeit, usw. Mit der Hilfe eines Priesters bereitete ich mich darauf vor, für den Ruf Gottes offen zu sein, wie auch immer dieser lauten würde. Während einem ganzen Jahr betete ich zur Heiligen Jungfrau Maria und der hl. Theresia von Lisieux, um mir ganz besonders bei dieser Frage zu helfen. Maria ist unsere Mutter und erzieht uns. Sie selbst wusste während ihrem Erdenleben oftmals nicht, wohin Sie ihr Fiat führen würde, da Ihr der Wille Gottes nur Schritt für Schritt ge-offenbart wurde. Ihr Glaube bei der Verkündigung, ihre im Magnifikat ausgedrückte Freude, ihre Stärke am Fuße des Kreuzes, ihre Hoffnung am Karsamstag sind Bei-spiele, die uns zeigen, wie Sie uns auf dem Weg des Glaubens vorausgeht. Unglaublich half Sie mir dabei, die Wichtigkeit des mit Vertrauen gelebten gegenwärtigen Augenblicks zu entdecken. Sie schützt vor den Angriffen auf die Reinheit. Sie ist voller Kraft und Süße. Ihr ganzes Leben ist Eucharistie. Sie schenkt uns Jesus. Der hl. Ludwig Maria Grignon von Montfort sagte, dass sich dort, wo sich Maria befindet, ebenso der Heilige Geist befindet, und, dass mit Ihr alles viel schneller vor sich geht. Natürlich müssen wir diese ausgezeichnete Gelegenheit so gut und sooft wie möglich ausnützen! Auf der anderen Seite ließ die hl. Theresia von Lisieux in mir den Wunsch nach Heiligkeit und meine Liebe zur Kirche wachsen. Sie, die voll innerem Feuer und großen Wünschen war, wurde, ohne auch nur ihren Karmel verlassen zu haben, zur Patronin der Missionen ernannt! Durch sie lernte ich, dass wir sehr schwach sein können und zur selben Zeit Recht darauf haben, große Wünsche zu nähren. Unsere Schwäche zu erfahren ist ein wunderbares Mittel, um die Barmherzigkeit Gottes zu experimentieren. Ohne Ihn können wir tatsächlich nichts! Durch die hl. Theresia habe ich gelernt, dass unsere tatsächliche Berufung die Liebe ist, sei die Entscheidung unseres Lebensstandes auch immer wie sie sei.
Und wohin brachte dich diese Erfahrung?
Ich beendete dieses Jahr ohne einen konkreten Ruf zu verspüren. Als Ausgleich dazu änderte sich meine Sichtweise über jede Art von Lebensstand und ich fand mich mit einem unglaublich großen Frieden im Herzen vor, der mir ein gutes und rasches Voranschreiten ermöglichte. Zurzeit verspüre ich im Innersten meines Herzens, wie der Herr unsere Herzen mit allen nur möglichen Mitteln zu füllen versucht und uns dabei nie betrügt, wie auch immer unser Leben sei. Unsere große Berufung besteht darin, in seiner Liebe zu leben, wobei wir auf diese Liebe freien Willens antworten. Ganz besonders wichtig ist, immer nur seinen Willen zu suchen. Während dieser Zeit des Wartens lebe ich mein Zölibat mit viel Freude und Hoffnung, und der Sicherheit, dass der Herr all meine Schritte leitet. Natürlich fehlen auch die schwierigen Augenblicke nicht, doch bin ich davon überzeugt, dass es sich um eine Zeit handelt, in der mich der Herr für meine Berufung vorbereitet und erbaut. Noch dazu sehe ich sein Wirken ununterbrochen in meinem Leben, was mir ermöglicht, meine Beziehung zu Ihm, die in einer Gesellschaft, die viele Hemmungen verloren hat, sehr wichtig ist, zu vertiefen. Um damit fortzusetzen, mich Gott mit meinem ganzen Leben zu schenken, habe ich mich entschieden, diesen Weg mit der Gemeinschaft Emmanuel zu gehen, die ich während dem Jahr auf der Evangelisationsschule kennen gelernt hatte. Diese Gemeinschaft setzt sich aus Priestern, gottgeweihten Menschen, Familien und Jugendlichen zusammen, deren besonderes Charisma es ist, „Emmanuel, Gott mit uns“ in ihrem täglichen Leben zu leben. Ihre Spiritualität ist stark mit der Botschaft des Heiligen Herzen Jesu, und somit mit der Eucharistie verbunden, die sich in der Evangelisierung, der Anbetung des Allerheiligsten Sakraments und dem Erbarmen ausdrückt. Durch diese Gemeinschaft bekomme ich Brüder im Glauben, die mir dabei helfen, in der Welt zu leben und dabei meinen Weg mit und zu Christus fortzusetzen. Wo doch der Herr immer auf unsere Wünsche hört, wurde mir nun in der Politik eine Arbeit angeboten, wobei ich im Dienst der Jugendlichen und der Kultur stehen. So kam es, dass ich nun zwei Jahren Lang jene Arbeit verrichtete, von der ich während meinem Studium träumte. Der Herr weiß tatsächlich, was wir benötigen, und sind wir dazu bereit, Ihm unser Leben zu geben, so überhäuft Er uns mit seinen Gaben. Eines Tages wurde mir vorgeschlagen, nach Rom zu gehen, um dort für den Heiligen Vater und die Jugendlichen zu arbeiten, indem ich die Verantwortung über das Internationalen Jugendzentrums vom hl. Lorenz übernehme.
Welche Aufgabe hat dieses Zentrum?
Dieses Zentrum wurde vom Heiligen Vater Johannes Paul II. ins Leben gerufen und hat die Aufnahme der nach Rom pilgernden Jugendlichen aus aller Welt als Aufgabe, um ihnen auf diese Weise zu helfen, in die Gnade der Kirche einzutreten und die Erfahrung der Weltjugendtage im alltäglichem Leben zu haben. So habe ich nun dieses Angebot voller Vertrauen angenommen. Für mich ist es eine große Freude, für den Heiligen Vater in Rom arbeiten zu können. Ich kam während dem ersten Pontifikatsjahr von Johannes Paul II. zur Welt und stand nun für kurze Zeit in seinem Dienst. Er, der doch die Jugendlichen so sehr liebte. Ein Mann des Mutes, Zeuge der Wahrheit, ohne dabei Kraftlosigkeit zu erkennen zu geben, leidenschaftlicher Verteidiger des Lebens, der uns dabei half, in seinen Blick der Hoffnung und der Liebe des Vaters einzutreten.
Was bedeutet für dich die Eucharistie?
Wir befinden uns im Jahr der Eucharistie. Für mich ist Sie wahrlich die Quelle unseres Lebens, denn aus Ihr schöpfen wir unsere Kapazität zu lieben. In der Eucharistie ist es, wo wir eine Zufluchtsstätte vorfinden, und wo wir Christus vorfinden. Aus Ihr empfangen wir unser Leben. In der Eucharistie können wir all unsere Armut und all unseren Reichtum einschließen… in Ihr lassen wir Ihn zu unserem Herzen sprechen und in Ihr lernen wir lieben. Dieses Jahr wird mit dem Weltjugendtag gekrönt werden, der im August in Köln stattfindet. Das Thema lautet: „Wir sind gekommen, um Ihn anzubeten“ (Mt 2,2). Auch hier in Rom besteht meine Arbeit darin, die Jugendlichen dazu einzuladen, sich mit der Haltung der Heiligen drei Könige zu kleiden, um sich auf den Weg zu machen, und dem Stern nachzufolgen. In Köln sind sie alle dazu eingeladen, Ihn mit den Jugendlichen aus aller Welt anzubeten. Ich wünsche ihnen aus ganzem Herzen, dass sie sich mit Christus persönlich einfinden, indem sie Ihn in der Eucharistie betrachten und dabei die Erfahrung seiner Liebe machen, die für einen jeden von uns einzigartig ist.
Mögen sie doch in seinem Blick entdecken, wie sehr Er sie liebt, damit sie, nachdem sie wieder nach Hause zurückgekehrt sind, sich mit ihrem Leben in hoffnungsvolle Zeugen dieser Liebe verwandeln. Vor allem sollen sie keine Angst haben, es zahlt sich wirklich aus.
©HM Nr. 19 September-Oktober 2005


