Heim der Mutter*

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Home Zeitschrift HM Bisherige Ausgaben Nr. 18 - Juli/August 2005 Zeitschrift HM - Nur eine einzige Prüfung
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hnakristinNur eine einzige Prüfung

Sr. Kristen, S.H.M.

Nur eine einzige Prüfung hätte den Plan Gottes über mich zum Scheitern bringen können. Dies mag etwas eigenartig klingen, nicht wahr, und doch handelt es sich um die reine Realität.

Kurz nachdem ich meinen fünfzehnten Geburtstag gefeiert hatte, entdeckte ich, dass mich Gott dazu rief, Dienerin des Heims der Mutter zu werden. Nachdem ich diesen Ruf Gottes zum ersten Mal vernommen hatte, verging eine schöne Zeit, bis ich diese Berufung, die mir Gott in seiner Güte gegeben hatte, innerlich akzeptierte. Immer wieder musste ich an den Fisch denken, den die Schwestern hin und wieder aßen, und ich nicht einmal riechen konnte. Danach kehrten meine Gedanken zur Universität zurück, wollte ich doch unbedingt studieren. Auch dachte ich an die Bücher, die ich mir zu schreiben vorgenommen hatte. Und trotz all dieser Versuche, meine Gedanken vom Thema Berufung abzulenken, wusste ich nach mehreren Wochen inneren Kampfes, dass ich den Willen Gottes anzunehmen hatte, wollte ich auch tatsächlich glücklich werden. So gab ich Gott mein Ja-Wort und augenblicklich überkam meine Seele ein unbeschreiblicher Frieden.

Der Kampf Jedoch war noch nicht zu Ende. Nun ging es mit jenen inneren Kämpfen weiter, wann ich eigentlich die ersten Schritte unternehmen und eintreten sollte, denn die Sache war folgende: Ich war doch erst fünfzehn Jahre alt. Ich wusste, würde ich meine Eltern bitten, hätte ich bald schon die Erlaubnis, mit sechzehn Jahren in die Gemeinschaft einzutreten. Aber, war das nun tatsächlich notwendig? Warum sollte ich nicht bis zu meinem achtzehnten Geburtstag warten? Oder vielleicht gar bis ich meine Universitätsstudien abgeschlossen hätte? War es doch nicht völlig gleich wann ich eintreten würde, die Hauptsache ist doch einmal einzutreten? Zwei Jahre auf oder ab… so viel Unterschied kann es schon nicht geben.Oder doch? Auf diese Weise hätte ich einige Jahre mehr, um tun und lassen zu können was ich wollte, danach würde ich selbstverständlich dem Herrn folgen und Ihm mein ganzes Leben schenken.

Dies gedacht, versuchte ich mich davon zu überzeugen, dass diese Handlungsweise völlig korrekt sei. Jedoch gab es da etwas in meinem Gewissen, dass mich ununterbrochen darauf hinwies, dass mir Gott meine Berufung aus einem ganz bestimmten Grund bereits mit fünfzehn Jahren wissen ließ. Selbstverständlich hatte ich keine Ahnung, was der Grund war, doch verstand ich, dass Gott sehr wohl den Grund dafür wusste, und ich Ihm ganz einfach mein Vertrauen schenken musste. So entschied ich mich mit Hilfe der Gnade Gottes, bereits mit sechzehn Jahren in die Gemeinschaft der Dienerinnen einzutreten und keinen Augenblick länger zu warten.
Unmöglich ist es mir, die Vielzahl von Menschen aufzuzählen, die mich als unbesonnen abstempelten, als sie erfuhren, dass ich so jung in eine Gemeinschaft eintreten wollte. „Warte doch noch einige Jahre“, erklärten sie mir, „versuche dir ein bisschen mehr Lebenserfahrung anzueignen.“ „Wie willst du in deinen jungen Jahren bereits wissen, was Gott von dir möchte?“ Weiß etwa der Hirte nicht, auf welchen Wegen Er die Schafe zu führen hat? Würden die Schafe nicht aufmerksam auf den Hirten hören, fänden sie sich schon bald mit unzähligen Problemen vor. Immer wieder hatte ich auf den Unglauben meiner „Ratgeber“ mit einem reinen Glaubensakt zu antworten: „Ich weiß, dass mir Gott meine Berufung aus einem ganz bestimmten Grund bereits mit fünfzehn Jahren gezeigt hatte. Und so werde ich dieser nun so bald wie möglich nachfolgen.“ Was in den Augen der Welt als unbesonnen erscheint, ist in Realität in den Augen Gottes Vernunft.

So trat ich nun an meinem sechzehnten Geburtstag als Kandidatin in die Gemeinschaft der Dienerinnen ein. Welch eine Freude! Ich wusste, dass ich den Willen Gottes tat, wenn ich auch noch immer nicht verstand, weshalb er mich zu diesem Zeitpunkt auserwählt hatte. Ich bat Ihn demütigst, mir den Grund dafür zu zeigen, falls Er es so wollte und wann auch immer Er wollte. Wie auch immer, in diesem Augenblick war es mir völlig egal, war ich doch so glücklich Dienerin sein zu können. Ich war darüber höchst erfreut, die Gnade, diesen Lebensstil so jung schon anfangen zu können, vom Herrn empfangen zu haben.

Ein Jahr nach meinem Eintritt in die Gemeinschaft, kehrte ich in die Vereinigten Staaten zurück, um dort eine Prüfung abzulegen, die für den Fortgang auf der Universität notwendig ist. Diese Prüfung wird SAT-Prüfung genannt. Sie bestimmt nicht ausschließlich auf welche Universität man gehen kann, doch hat sie bei dieser Entscheidung ein besonderes Gewicht. Als ich das Ergebnis der Prüfung erhielt, erkannte ich, dass meine Note ziemlich gut war, besser, als ich mir vorgestellt hatte.

Hinzu kam, dass meine Reifeprüfung ebenso ziemlich gut ausfiel. Es schien mir, als würde ich zum ersten Mal verstehen, dass mir die Türen aller Universitäten offen standen. Ich könnte studieren gehen, wohin und was auch immer ich wollte. Ohne mich persönlich zu kennen, könnt ihr euch wahrscheinlich nur schwer vorstellen, wie ungeheuerlich gefährlich für mich diese Versuchungen waren. Es ist eben einmal so, dass ich das Studium über alles liebe. Ich könnte den ganzen Tag über in einem Raum voller Bücher eingeschlossen sein, ohne auch nur einen Augenblick lang ans Essen zu denken.

All diese Gedanken überfluteten mich nun, als ich das Prüfungsergebnis in meinen Händen hatte. Nie zuvor hatte ich eine ähnlich große Versuchung verspürt. Ich könnte studieren, mein ganzes Leben lang dem Studium widmen. Gesagt sei auch noch, dass ich zur selben Zeit den Führerschein bekommen hatte. Ich erinnere mich, wie ich eines Tages zur Bibliothek musste, um einige Nachschlagewerke ausfindig zu machen. So holte ich das Auto aus der Garage und fuhr los. Dieser Augenblick war die größte Probe, die ich jemals bezüglich dem Thema Berufung durchzumachen hatte. Und ich wurde mir nicht im Geringsten darüber bewusst, bis ich bei der Bibliothek angelangte war. Dort angelangt, ich mir über die Möglichkeit bewusst wurde, zur Bibliothek fahren zu können, wann auch immer ich wollte, um dort zu lesen, was auch immer ich wollte… Plötzlich schien der Ruf Gottes in einer dunklen, mondlosen Nacht verschwunden zu sein. Es dauerte nicht allzu lange, bis ich mir über den Stand der Dinge klar wurde, weshalb ich die Bibliothek wieder im Laufschritt verließ. Gott sei Dank gab Er mir die nötige Kraft, um meiner Berufung treu zu bleiben. Ich verstand, dass es sich um ein klares „Nein“ zu Gott handeln würde, hatte ich doch das Leben der Dienerinnen kennen gelernt, und wusste zu gut, dass ich, würde ich einen anderen Lebensweg einschlagen, unmöglich glücklich werden könnte. Gott hatte mir bereits mein Herz für sich gestohlen und ließ mir die Versuchung des Dämons klar erkennen.

Nach diesem Ereignis wurde ich mir über den Grund bewusst, weshalb mich Gott bereits mit fünfzehn Jahren rief, denn wäre ich der Gemeinschaft der Dienerinnen nicht mit sechzehn beigetreten, hätte ich diesen Schritt später nicht mehr getan. Hätte ich die zwei Jahre bis zu meinem achtzehnten Geburtstag gewartet, hätte ich die Prüfung abgeschlossen, wäre auf die Universität gegangen und hätte meine Berufung auf später verschoben. Unmöglich hätte ich dieselbe klare Sicht gehabt wie mit fünfzehn Jahren, um meine Berufung zu sehen. Das Studium hätte in meinem Leben den ersten Platz eingenommen, und wie wir alle wissen und oftmals im Leben erfahren haben, werde all jene Dinge, die wir immer wieder für einen späteren Zeitpunkt aufschieben, niemals getan.

Wie ihr aus meinem Leben sehen könnt, haben wir vollständig auf Gott zu zu vertrauen. Er weiß, was für uns das Beste ist. Doch, auf Gott vertrauen, bedeutet Ihm nachzufolgen. „Hörst du heute die Stimme Gottes, so verschließe dein Herz nicht.“ Falls dich Gott ruft, so folge Ihm nach. Verliere keine Zeit mehr. Die Dinge aufzuschieben, kann schreckliche Folgen mit sich tragen.

©HM Nr. 18 Juli-August 2005