Ein klein wenig über Mamies Kindheit
von P. Rafael Alonso
Während den zwanzig Jahren, in denen ich das Privileg genoss, an der Seite unserer über alles geliebten Mamie zu leben, war es mir möglich, aus ihrer Kindheit die sie in einem demütigen Heim der Straße Herman im Stadtviertel Schaerbeek (Brüssel – Belgien) verbrachte einige Vertrautheiten zu erfahren.
Mamie hatte eine einzige Schwester namens Johanna (Jeanne). Johannas Charakter war völlig unterschiedlich zu Elisabeths Charakter. Kurz zur Erklärung: Mamies Taufname lautete Elisabeth. Johanna war sehr entschieden, sympathisch, waghalsig und besaß eine durchaus anziehende Statur. Sie liebte Mathematik, ganz besonders Rechnen, das heißt, Arithmetik. Weiters gefielen ihr alle Arten an Risikospielen. Und obwohl sie ein Mädchen war, liebte sie schaukeln, das Stiegengeländer hinunterrutschen, Seil-springen, die Bäume hinaufklettern, usw.
Elisabeth (Mamie), im Gegenteil zu ihrer Schwester, war im Großen und Ganzem nachdenklich, in sich zurückgezogen, schüchtern, schweigsam und liebte alle Schulgegenstände, die mit lesen, schreiben und nachdenken im Zusammenhang standen. Ihr bevorzugtes Spiel war die anderen zu beobachten und danach aus den Beobachtungen Schlussfolgerungen zu ziehen. Da Mamie immer dachte, dass ihre Hände hässlich seien, besonders ihre Daumen, litt sie sehr darunter und sie erschien für gewöhnlich mit geschlossenen Fäusten, wobei sie den Daumen in die Handfläche legte und ihn mit den restlichen vier Fingern einschloss.
Sie erzählte mir diese Geschichte mit dem Wunsch, dass ich sie näher kennen lernen und somit erkennen würde, wie die Charakterschwächen einer Person für die Gnade Gottes kein Hindernis sind. Trotz dieser Schwächen kann die Gnade Gottes diese Seele erreichen und sie nach dem Willen Gottes formen.
Wie alle anderen Kinder liebte auch Mamie auf der Straße zu spielen, doch war es nicht sehr ratsam längere Zeit im Park zu verbringen. Ganz in der Nähe ihres Hauses gab es einen wunderschönen Park mit sehr hohen jahr-hundertealten Bäumen, zwischen denen man künstlerisch Buchsbaumhecken und verschiedene Wege angelegt hatte, die für die Kinder eine Wonne waren. Die Spielangelegenheiten, die der Josaphatpark anbot, waren einfach unzählig. Außer dem Wäldchen gab es ebenso vier kleine Teiche voller Enten und Schwäne, Spielwiesen, ein Gemeindestadium und eine Freiluftschule. Für die Vorstellkraft einiger Mädchen waren es einfach zu viele gute Dinge, die sich ununterbrochen von der Versuchung, von zu Hause „zu fliehen“ und in den Park spielen zu gehen, bestürmt sahen.
Am meisten litt Jeanne, Mamies kleine Schwester, darunter. Elisabeth wurden, wo sie doch die ältere Schwester war, all die innigsten Wünsche des kleinen Herzens des Schwesterchens, in den Park spielen zu gehen, anvertraut. Und von ihrem Schwesterchen überredet, zogen sie verschwiegen aus dem Haus, um schnurstracks die Schaukeln des Josaphatparks anzusteuern.
Doch wurden die beiden Armen bei ihrem Unternehmen erwischt und bestraft.
Und Mamie erzählte mir: “Meine Mutter gab natürlich mir die Schuld, war ich doch die Älteste. War sie auch davon überzeugt, dass diese Situation von meiner Schwester ins Rollen gebracht wurde, so hatte ich als Älteste die Verant-wortung zu tragen und somit auch die Bestrafung zu erdulden.“.
Nach dieser Aussage öffnete mir Mamie ihr Herz und setzte fort: „Schon immer ist es mir so ergangen. Sooft habe ich für die Taten der anderen bezahlen müssen.“
Immer wieder zog Mamie aus ihrer Kindheit Schluss-folgerungen, doch niemals fand in ihren Überlegungen die Bitterkeit Platz. Man konnte in ihr eine Art an Gefälligkeit gegenüber dem Elend der Mitmenschen und der Einschrän-kungen jener erkennen, die sie aufgrund ihrer autoritären Stellung bestrafen konnten. Niemals vernahm ich auch nur ein Wort voller Groll, Ärger oder Schärfe ihren Eltern gegenüber, die sie sehr schnell für irgendwelche Taten bestraften, die sie niemals getan hatte.
So war Mamie. Sie erklärte mir, dass sie von Natur aus so sei. Ich denke, dass diese Natur von der Gnade Gottes per-fektioniert wurde, doch hatte sie dann auch immer wieder für so viele Dinge ihre Wange hinzuhalten, für die sie keinesfalls verantwortlich war.
©HM Nr.17 - Mai - Juni 2005


