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Kategorie: Weiteres

Was sind schon siebzehn Jahre, verglichen mit der Ewigkeit? Ohne Zweifel eine kleiner und unbedeutender Zeitabschnitt, und doch sind es drei Viertel meines Lebens und aus diesem Grund zuviel Zeit, um grundsätzliche Realitäten meines Leben zu verkennen.

Blicke ich nun zurück, übersehe ich von keinesfalls wie viel Zeit ich aufgrund Ignoranz und Unkenntnis bezüglich Gott und den übernatürlichen Realitäten vergeudet habe. Zu viele Jahre sind es, in denen ich nichts von der Tatsache wissen wollte, dass ich im Himmel eine Mutter habe, die meine Schritte wie verrückt in Richtung Gott zu lenken versucht.

Von Anfang an ist das Erzichen und Ausbilden eines kindes eine sehr schwierige Aufgabe, jedoch noch schwieriger wird dieses Unternehmen, möchte dieses Kind seine Mutter nicht als solche anerkennen, und meint darüber hinaus völlig selbstgenügsam zu sein, wobei es seinen eigenen Ideen, Gefühlen, Projekten, das heißt, seinem eigenen Ich einen Altar errichtet. Ich hatte das große Glück, oder besser gesagt, die Vorsehung Gottes nahm mich bei der ersten Gelegenheit, die ich ihr überließ, an der Hand und ich stolperte über eine sehr marianische Glaubensgemeinschaft, das Heim der Mutter, der ich sehr viel zu verdanken habe: ich entdeckte eine mir bis zu diesem Augenblick völlig unbekannte Welt.

Das Heim machte mich auf die Gegenwart der Heiligen Jungfrau in meinem Leben auf-merksam, es zeigte mir, ihre Gegenwart im Laufe des Tages wahrzunehmen, und vor allem lehrte es mir, Sie mit einer wahren kindlichen Liebe zu lieben versuchen. Obwohl meine Liebe zu Ihr noch immer sehr zu wünschen übrig lässt, weiß ich, dass meine Liebe zu Ihr jeden Tag etwas größer ist, denn je mehr ich Sie kennen lerne, desto mehr werde ich mir ihrer mütterlichen Liebe bewusst. Es handelt sich dabei um eine Liebe, die mich, verglichen mit meiner Gleichgültigkeit oder meiner Undankbarkeit während so vieler Gelegenheiten, aufs Äußerste beeindruckt.

Ich erinnere mich noch sehr gut an den Augenblick, als ich mich von „Angesicht zu Angesicht“ mit der Heiligen Jungfrau einfand. Wauu! Wo auch immer ich hinblickte, war es mir ganz leicht ihre Gegenwart, ihre Zärtlichkeit, ihre Mutterliebe, deren ununterbrochene Aufmerksamkeit und Hingabe ihrem kleinen Kind gilt, zu entdecken. Es schien mir, als würde ich zum ersten Mal das Licht der Welt erblicken, hatte ich doch kurz zuvor mein sündiges Leben verlassen, um für das Gnadenleben geboren zu werden. Und Sie hütete mich, wie die beste Mutter der Welt ihr kleines Baby hütete, das doch so sehr von ihrer Liebe, ihrer Gegenwart und ihrem vollständigen Schutz bedarf. Ich musste nun lieben lernen, ich musste mein Herz noch größer als je zuvor öffnen, tat sich doch vor mir eine neue Welt, eine Reihe an neuen Werten und Realitäten, neuen Zielen und Anstrebungen auf, die ich kennen lernen musste. Es war eine ganz besondere Zeit, während der ich unsere Mutter jederzeit, in den Menschen, in den Bildern, in den Kirchen, an meiner Seite, in meinem Herzen, usw. entdeckte. Stundlang verbrachte ich damit, mit Ihr und über Sie zu sprechen. Ich wurde einfach nicht müde von Gott und von der Heiligen Jungfrau zu sprechen und Lieder zu hören, in denen über Sie gesprochen wurde. Wie konnte ich doch bloß all diesen übernatürlichen Realitäten gegenüber, die sich inmitten unseres Lebens befinden, so von Blindheit geschlagen sein?

Ich fühlte mich wie ein neugeborenes Kind in den Händen seiner Mutter, von wo aus ich immer ihr Antlitz betrachten und mit meinen Kopf an ihrem Herzen ruhen konnte. Ich wusste mich geliebt und geschützt, und für diese große Gabe, die Er mir durch seine Mutter gemacht, indem Er Sie mir als Mutter schenkte, natürlich auch in Gottes Schuld. Doch können wir nicht immer Babys bleiben, weshalb auch bald die Zeit kam, in der ich meine ersten Schritte zu machen hatte, bei denen aufgrund meines fehlerhaften Vertrauens und meiner Dickköpfigkeit die ersten Stürze nicht ausblieben. Maria stellte mich auf meine eigenen Füße, blieb dicht hinter mir, wobei Sie mich zärtlich an meinen Händen umfasste, damit ich mich an Ihr festhalten konnte. Danach sagte Sie zu mir: „Siehst du? Dort ist Gott, dein Vater, und zu Ihm musste du gehen.“

Etwas Neues zu lernen ist oftmals mit vielen Schwierig-keiten, Anstrengungen, Ausdauer und viel Vertrauen verbunden. Doch habe ich mein Ziel, Gott, sehr klar. Ich weiß, dass meine Mutter jederzeit über meine Schritte wacht und doch wiederholen sich im Laufe des Voranschreitens Stürze und Unaufmerksamkeiten. Doch was habe ich schon zu befürchten? Blicke ich nach vorne, sehe ich Gott Vater, der mit offenen Armen auf mich wartet, um mich an sein Herz zu drücken, um mich nie wieder loszulassen. Blicke ich während ich mich Schritt für Schritt vorwärts bewege nach oben, schaue ich in das zärtliche Antlitz meiner Mutter, die mir zulächelt und mich dazu auffordert weiterzugehen. Doch selbst so sind wir oft tollpatschig und dickköpfig und blicken von Zeit zu Zeit nach unten, wo wir schon nur noch den Schritt sehen, den wir zu machen haben, für den wir uns jedoch oftmals als zu schwach einschätzen, rechnen wir ja schon nur noch mit unseren eigenen Kräften. Blind durch das eigene Ich sieht man sich völlig alleine und machtlos einer Gefahr ausgesetzt, die uns schon beim Anblick taumeln und stolpern lässt. Tränen und Jammergeschrei lassen schon nicht mehr auf sich warten. Dieser dumme Stolz, dieser noch dümmere Hochmut verursachen, dass ich meinen Blick einzig allein auf mich zentriere und somit die Heilige Jungfrau und den Herrn, die ununterbrochen an meiner Seite stehen, nicht mehr erkenne.

Sehr oft sah ich, wie Unsere Mutter auf mich zustürzte, um meinen Sturz zu verhindern, wobei Sie mich noch vor meinem Aufprall wieder zu sich aufhob. Andere Male wiederum ließ Sie gewisse Stürze zu, wobei Sie mich jedoch augenblicklich wieder vom Boden aufhob, um mir zu verstehen zu geben, worauf ich mein Vertrauen tatsächlich zu stützen habe, denn nichts kann ich ohne sie. Außerdem habe ich alle Sicherheiten, dass mir ihre Hilfe niemals fehlen wird.

Nicht immer lasse ich mich von Ihr lieben, nicht immer öffne ich mich ihrer Mutterliebe, sondern lege Ihr dabei Hindernisse in den Weg, doch wird Sie nicht müde, mir ihre Liebe jedes Mal mit noch mehr Intensität zu zeigen, da Sie mich in ihr Herz geschlossen hat und somit für mein Seelenheil alles aufs Spiel setzt.

Es ist wahr, dass meine Beziehung zu Unserer Mutter anders ist, als sie am Anfang war. Nicht immer fällt es mir leicht ihre helfende Hand zu erkennen und bei jedem Schritt ihre Gegenwart wahrzunehmen, doch kann ich keinen Augenblick lang zweifeln, dass es so ist, wäre es doch meinerseits ein Verrat auf all die empfange Liebe. Würde Sie mich nicht stützen und führen, hätte ich nicht genügend Kraft um voranzuschreiten, wenn Müdigkeit und Dunkelheit den Horizont, wo sich Gott befindet, verschwimmen lassen und ich taumle und den Boden berühre. Unmöglich ist es mir daran zu zweifeln, dass Sie ihre Mütterlichkeit intensivst an mir ausübt, dass Sie es ist, die meine Schritte lenkt. Wo Sie besser wie kein anderer weiß, was mir gut bekommt, kann ich völlig darauf vertrauen, dass Sie mich zu Gott bringen wird. Einige Male wird dies mit mehr Widerstand meinerseits und andere Male wiederum mit mehr Fügsamkeit vor sich gehen, denn der Weg der Heiligkeit ist keinesfalls etwas sehr Einfaches. Besser gesagt, wir selbst sind es, die dieses Unternehmen komplizierter machen, wenn wir uns als Herrn und Besitzer unser selbst errichteten und dabei das Eingreifen unseres Herrn und unserer Mutter unmöglich machen, wo doch sie es sind, die tatsächlich wissen, was wir benötigen, was uns erfüllt und die wahre Freude und Glückseligkeit schenkt, die in Gott ist.

Ohne Zweifel wurden uns durch die Ursünde alle Knochen ausgerenkt, weshalb uns das Beschreiten des schmalen Weges Schwierigkeiten macht und das Einrenken der Knochen, um sie wieder an ihren Platz zu haben, viele Schmerzen verursacht. Doch glaube ich, dass ein klein wenig Leiden, das uns wieder reinigt und in Ordnung bringt, um uns für den Himmel würdig zu machen, nicht unbezahlt bleibt.

Dank dem Herrn haben wir die Heilige Jungfrau stets an unserer Seite, um uns während unserer Schwächen zu stützen, um uns in unserer Zerbrechlichkeit zu beschützen, um uns in all unseren Notwendigkeiten mit allen Details und Zärtlichkeiten nachzukommen, indem Sie uns den Weg erleuchtet, uns durch Händeklatschen und mit kleinen Schupsen bei verschiedenen Hindernissen und an gefährlichen Stellen liebevoll vorwärts schiebt, Mut macht, wenn die Seele den Boden zu berühren scheint, uns zu sich hebt und an ihr Herz drückt, wenn wir die Arme sinken lassen, uns im Kampf ein Lächeln entreißt, während der Schwierigkeit tröstet, sich während der Finsternis zeigt…

Es ist wahr, dass ich ihre Nähe nicht wie am Anfang jederzeit verspüre, doch weiß ich, dass Sie an meiner Seite wacht, dass ihre Treue trotz all der Undankbarkeiten und dem oftmaligen Vergessen ihres eigensinnigen Kindes, das zu sehr auf sich selbst blickt, sicher ist. Die Sache ist nun einmal so, dass es keine Frage der Gefühle ist, die nicht immer für eine Zusammenarbeit zu haben sind, sondern gelegentlich selbst sehr verräterisch handeln und die Realität verformen. Es handelt sich um Gewissheit, um Glauben und vielen Gelegenheiten, in denen ich unzählige Gnaden empfangen und Erfahrungen zu einem gewissen Zeitpunkt gemacht habe, bei denen die klare Hand ihres Wirkens zu erkennen war.

Die Heilige Jungfrau ist einer dieser großen Schätze, den uns das Herz Gottes anvertraut hat, um uns bei unserem Aufstieg in Richtung Himmel zu helfen, und es ist eine wahre Schande, wie wir oftmals diesen Schatz behandeln. Als Tochter einer solch guten Mutter bin ich eine Katastrophe. Wie oft vergesse ich auf Sie, wie oft bin ich undankbar, wie oft beschwere ich mich. Wie viel Geduld benötigt Sie doch mit mir? Was ich völlig klar habe ist, dass ich Ihr um nichts in der Welt freiwillig Schaden zufügen möchte und ich wünsche mir, Sie eines Tages mit all der Liebe lieben zu können, die Sie von mir erwartet. Eine Liebe, die durch Werke ausgedrückt wird, eine Liebe, die aus einem umgeformten Herzen entsprießt und der Liebe ihres Sohnes gleicht.

Sr. Theresia Maria von der Eucharistie

©HM Nr.15 - Januar/Februar 2005

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