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Kategorie: Weiteres

Am Aufgang zu Petersbasilika hat Papst Pius IX. im 19. Jahrhundert zwei machtvolle Figuren der Apostel Petrus und Paulus aufgestellt, beide leicht erkenntlich an ihren Attributen: die Schlüssel in der Hand des Petrus, das Schwert in den Händen Pauli. Wer ohne Kenntnis der Geschichte des Christentums die kraftvolle Gestalt des Völkerapostels betrachtet, könnte wohl zu der Meinung kommen, es handle sich um einen großen Feldherrn, um einen Krieger, der mit dem Schwert Geschichte gemacht und sich Völker unterworfen habe. So wäre er einer der vielen, die sich um den Preis des Blutes der anderen Ruhm und Reichtum geschaffen haben. Der Christ weiß, dass das Schwert in den Händen dieses Mannes die gegenteilige Bedeutung hat: Es ist das Werkzeug seiner Hinrichtung. Als römischer Bürger durfte er nicht, wie Petrus, gekreuzigt werden; er starb durch das Schwert. Aber auch wenn dies als eine noble Hinrichtungsart galt, so gehört er in der Weltgeschichte zu den Opfern der Gewalt und nicht zu den Tätern.

Wer sich in die Paulusbriefe vertieft, um in ihnen so etwas wie eine verborgene Autobiographie des Apostels zu finden, wird alsbald erkennen, dass mit dem Attribut des Schwertes, dem Werkzeug der Passion, nicht bloß etwas über die letzten Augenblicke im Leben des heiligen Paulus gesagt ist; das Schwert kann mit Recht als Attribut für sein Leben stehen: „Ich haben den guten Kampf gekämpft“, sagt er im Angesicht des Todes, rückschauend auf den Weg seines Lebens, zu seinem Lieblingsschüler Timoteus (2 Tim 4,7). Von solchen Worten her ist Paulus gern als Kämpfer, als Tatmensch, ja, als Gewaltnatur beschrieben worden. Ein oberflächlicher Blick auf sein Leben scheint dem Recht zu geben: Auf vier großen Reisen hat er einen bedeutenden Teil der damals bekannten Welt durchfahren und ist so wirklich zum Lehrer der Völker geworden, der das Evangelium Jesu Christi „bis an die Enden der Erde“ trug. Mit seinen Briefen hat er die gegründeten Gemeinden zusammengehalten, ihren Aufbau vorangetrieben und ihren Bestand gefestigt. Temperamentvoll setzt er sich mit seinen Gegnern auseinander, an denen es nicht fehlte. Er wendet alle verfügbaren Mittel auf, um dem „Muss“ der Verkündigung, das auf ihm liegt (1 Kor 9,16), so wirkungsvoll wie nur möglich zu genügen. So wird er immer wieder als der große Aktivist, als der Patron der Erfinder neuer Strategien der Seelsorge und der Mission dargestellt.

Das alles ist nicht falsch, aber es ist nicht der ganze Paulus; ja, wer ihn nur so sieht, lässt das Eigentliche an seiner Gestalt aus. Zunächst müssen wir festhalten, dass der Kampf des heiligen Paulus nicht der Kampf eines Karrieristen, eines Machtmenschen, schon gar nicht eines Herrschers und Eroberers war. Er war Kampf in der Weise, wie Teresa von Avila ihn schildert. Ihr Wort „Gott will und liebt beherzte Seelen“ erläutert sie etwa mit dem folgenden Satz: „Das Erste, was der Herr an seinen Freunden wirkt, wenn sie schwach werden, besteht darin, dass er ihnen Mut verleiht und die Furcht vor Leiden nimmt.“ Mir kommt in diesem Zusammenhang eine gewiss einseitige und wohl auch ein wenig ungerechte Bemerkung von Theodor Haecker in den Sinn, die er während des Krieges in seinen Tag- und Nachtbüchern aufgezeichnet hat; sie kann uns jedenfalls helfen zu verstehen, worum es hier geht. Der Satz, den ich meine, lautet: „Manchmal kommt es mir vor, als habe man im Vatikan ganz und gar vergessen, dass Petrus nicht nur Bischof von Rom …, sondern auch Märtyrer war.“ Der Kampf des heiligen Paulus war der Kampf eines Märtyrers, von Anfang an. Genauer gesagt: Am Anfang seines Weges hatte er zu den Verfolgern gehört und die Gewalt gegen die Christen betrieben. Vom Augenblick seiner Bekehrung an war er zu dem gekreuzigten Christus übergegangen und hatte selbst den Weg Jesu Christi gewählt. Er war kein Diplomat; wo er diplomatische Versuche machte, war ihm wenig Erfolg beschieden. Er war ein Mann, der keine andere Waffe hatte als die Botschaft Jesu Christi und den Einsatz seines eigenen Lebens für diese Botschaft. Schon im Philipperbrief (2,17) spricht er davon, dass sein Leben wie ein Trankopfer ausgegossen werde; am Abend seines Lebens, im letzten Wort an Timoteus (4,6), kehrt diese Formulierung noch einmal wieder. Paulus war ein Mensch, der bereit war, sich verwunden zu lassen, und das war seine eigentliche Stärke. Er hat sich selbst nicht geschont, nicht versucht, sich aus Ärger und Unannehmlichkeiten herauszuhalten, schon gar nicht, sich ein schönes Leben zu bereiten.

Das Gegenteil ist der Fall. Gerade, dass er sich selber stellte, sich nicht schonte, sich den Schlägen preisgab und sich verbrauchen ließ für das Evangelium, hat ihn glaubwürdig gemacht und die Kirche aufgebaut: „ Ich möchte am liebsten aufbrauchen und aufgebraucht werden für eure Seelen“: Dieses Wort aus dem Zweiten Korintherbrief (12,15) legt das innerste Wesen dieses Menschen frei. Paulus war nicht der Meinung, dass Ärger zu vermeiden die Hauptaufgabe der Pastoral sei, und er dachte nicht, dass ein Apostel vor allem eine gute Presse haben müsse. Nein, er wollte aufrütteln, den Schlaf der Gewissen aufreißen, und wenn es das Leben kostete. Aus seinen Briefen wissen wir, dass er alles andere als ein großer Redner war. Den Mangel an Rednertalent hatte er mit Mose gemein und mit Jeremia, die sich beide Gott gegenüber damit verteidigten, dass sie auf Grund mangelnder Rednergabe für die vorgesehene Sendung ganz ungeeignet seien. „Sein persönliches Auftreten ist matt, und seine Worte sind schwach“ (2 Kor 10,10), sagten ihm seine Gegner nach. Über den Beginn seiner Mission in Galatien erzählt er selbst: „Ihr wisst, dass ich krank und schwach war, als ich zum ersten Mal das Evangelium verkündete“ (Gal 4,13). Paulus hat nicht durch brillante Rhetorik und durch raffinierte Strategien gewirkt, sondern dadurch, dass er sich selbst einsetzte und aussetzte für seine Botschaft. Die Kirche wird auch heute nur in dem Maß Menschen überzeugen können, in dem ihre Verkünder bereit sind, sich verwunden zu lassen. Wo die Leidensbereitschaft fehlt, fehlt die wesentliche Wahrheitsprobe, auf die die Kirche angewiesen ist. Ihr Kampf kann immer nur Kampf derer sein, die sich selbst ausgießen lassen: der Kampf der Märtyrer.

Dem Schwert in den Händen des heiligen Paulus können wir freilich auch noch eine andere Bedeutung beilegen als die des Marterwerkzeugs: Das Schwert ist in der Schrift auch Sinnbild für das Wort Gottes, das „kraftvoll und schärfer ist als jedes zweischneidige Schwert … Es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens“ (Hebr 4,12). Dieses Schwert hat Paulus geführt: Mit ihm hat er die Menschen erobert. „Schwert“ ist hier letzten Endes einfach ein Bild für die Macht der Wahrheit, die ganz eigener Natur ist. Wahrheit kann weh tun, sie kann verletzen – das ist ihre Schwertnatur. Weil das Leben in der Lüge oder einfach das Vorbeileben an der Wahrheit oft bequemer erscheint als der Anspruch des Wahren, darum ärgern sich Menschen über die Wahrheit, wollen sie niederhalten, verdrängen, ihr aus dem Weg gehen. Wer von uns könnte leugnen, dass ihn schon so manches Mal die Wahrheit gestört hat – die Wahrheit über sich selbst, die Wahrheit über das, was wir tun und lassen sollen? Wer von uns kann behaupten, dass er nie versucht hat, sich an der Wahrheit vorbeizustehlen oder wenigstens sie ein bisschen zurechtzukneten, damit sie weniger schmerzhaft wird? Paulus war unbequem, weil er ein Mann der Wahrheit gewesen ist; wer sich ganz der Wahrheit verschreibt und keine andere Waffe, aber auch keine andere Aufgabe haben will als sie, der wird zwar nicht notwendigerweise umgebracht werden, aber in die Nähe des Martyriums wird er immer rücken: Ein Leidender wird er werden. Wahrheit zu verkündigen, ohne zum Fanatiker und zum Rechthaber zu werden – das wäre die große Aufgabe.

Paulus mag manchmal im Streit ein wenig bitter geworden, in die Nähe des Fanatischen gerückt sein. Ein Fanatiker war er aber ganz und gar nicht; Texte voller Güte, wie wir sie allen seinen Briefen – am schönsten vielleicht im Philipperbrief – finden, sind das eigentliche Kennzeichen seines Charakters. Er konnte frei bleiben vom Fanatismus, weil er nicht für sich redete, sondern die Gabe eines anderen zu den Menschen trug: Wahrheit von Christus her, der dafür gestorben ist und bis in den Tod ein Leibender blieb. Auch da, glaube ich, müssen wir unser Paulusbild ein wenig korrigieren. Wir haben zu sehr die kämpferischen Texte bei Paulus im Ohr. Hier gilt wieder etwas Ähnliches wie bei Mose: Wir sehen Mose als den „Gehörnten“, den Ehernen, den Zürnenden. Aber das Buch Numeri sagt von ihm: Mose war der Mildeste aller Menschen (12,3; LXX). Wer Paulus ganz liest, wird den milden Paulus entdecken. Wir haben vorhin gesagt, sein Erfolg hänge mit seiner Leidensbereitschaft zusammen. Nun müssen wir hinzufügen: Leiden und Wahrheit gehören zusammen. Paulus wurde bekämpft, weil er ein Mann der Wahrheit war. Aber dass Bleibendes aus seinem Wort und aus seinem Leben gewachsen ist, liegt daran, dass er der Wahrheit diente und ihretwegen litt. Das Leiden ist die notwendige Beglaubigung der Wahrheit, aber nur die Wahrheit gibt dem Leiden Sinn.

Am Aufgang zu Petersbasilika stehen die Figuren der beiden Apostel Petrus und Paulus. Auch auf dem Hauptportal von Sankt Paul vor den Mauern sind die beiden miteinander verbunden, sind Szenen aus beider Leben und Leiden dargestellt. Die christliche Überlieferung hat von Anfang an Petrus und Paulus als untrennbar voneinander betrachtet: Sie stellen zusammen das ganze Evangelium dar. In Rom hat die Verbindung der beiden zu Geschwistern im Glauben dazu noch eine ganz spezifische Bedeutung bekommen. Sie wurden von den Christen Roms als Gegenbild zu dem mythischen Brüderpaar angesehen, dem die Gründung Roms zugeschrieben wird: Romulus und Remus. Diese zwei Männer stehen in einer merkwürdigen Entsprechung zum ersten Brüderpaar der biblischen Geschichte: Kain und Abel; einer wird zum Mörder des anderen. Das Wort Brüderlichkeit hat vom rein Menschlichen her einen bitteren Geschmack. Wie sie unter Menschen aussehen kann, wird quer durch die Religionen in solchen Brüderpaaren dargestellt. Petrus und Paulus, die beide menschlich voneinander so verschieden gewesen sind und wahrhaft nicht konfliktfrei nebeneinander stehen, erscheinen als die Gründer einer neuen Stadt, als die Verkörperung der neuen und wahren Weise von Brüderlichkeit, die durch das Evangelium Jesu Christi möglich geworden ist. Nicht das Schwert der Eroberer rettet die Welt, sondern nur das Schwert der Leidenden. Nur die Nachfolge Christi führt zur neuen Brüderlichkeit, zur neuen Stadt: Das sagt uns das Brüderpaar, das durch die beiden großen Basiliken Roms zu uns redet.

Aus dem Buch “Bilder der Hoffnung Wanderungen im Kirchenfahr”. (Joseph Ratzinger)

©HM Nr. 19 September-Oktober 2005

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